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Erschienen in EasyLinux 08/2004   »   Ausgabe bestellen

Netikette in Foren, Mailinglisten und Newsgroups

Der Knigge des Internet

von Inga Rapp


Das Netz schläft nie. Rund um die Uhr stehen Webforen, Mailinglisten und Newsgroups bereit -- und häufig finden sich auch spät in der Nacht noch freundliche Menschen, die Anwendern hilfreich zur Seite stehen. Doch auch hier macht der Ton die Musik: Wer die Netikette ignoriert, hat wenig Chancen auf Hilfe.

Computer sind hinterhältig und gemein. Meist zicken sie dann, wenn gerade kein kundiger Mensch aus dem Bekanntenkreis erreichbar ist und alle Hotlines längst Feierabend gemacht haben. Nicht selten kommt es vor, dass die kleinen technischen Wunderwerke gerade dann virtuelles Bauchgrimmen bekommen, wenn ihre Herren unter Zeitdruck stehen und zwingend auf sie angewiesen sind.

Nicht nur in solchen Fällen wird das Internet zum Rettungsanker. Webforen, Mailinglisten und Newsgroups stehen glücklicherweise rund um die Uhr zur Verfügung. Wer Englisch spricht, findet zu fast jeder Tages- und Nachtzeit Gesprächspartner, aber auch im deutschsprachigen Teil des Netzes ist die Wahrscheinlichkeit hoch, zu nächtlicher Stunde noch auf Menschen zu treffen, die hilfreiche Tipps und Aufmunterung parat haben.

Abb. 1: Auf Mailinglisten ist immer etwas los.
Netz-Etikette

Der Knigge des Internet heißt "Netikette", manchmal auch "Netiquette" geschrieben. Die Bezeichnung ist ein Kunstwort, das sich aus "Net" und "Etikette" respektive "Etiquette" zusammensetzt. Es gibt sie in verschiedenen Ausführungen für die die verschiedenen Dienste des Internet. Eine Übersicht bietet http://www.netplanet.org/netiquette/. Alle Netikette-Versionen haben eines gemeinsam: Sie sind kein Gesetz, sondern eine Empfehlung zum Umgang miteinander -- allerdings eine Empfehlung, die auf jahrelanger Erfahrung beruht.

Tischmanieren

Ohne Freundlichkeit geht gar nichts. Das, was offline als normal und höflich empfunden wird -- einander grüßen, sich verabschieden, Bitte und Danke -- gilt auch im Netz. Nichts führt so sicher zu bösen Kommentaren wie eine pauschal fordernde Haltung. Beiträge im Stil von "Jetzt warte ich schon 30 Sekunden, und immer noch ist keine Antwort da" sorgen mit ziemlicher Sicherheit dafür, dass nie eine sinnvolle Antwort auf die Frage kommen wird.

Nicht nur in solchen Fällen kann ein so genannter Flame War vom Zaun gebrochen werden: Dann flammt der Unwillen derjenigen auf, die sich belästigt oder gestört fühlen, und es hagelt böse Kommentare. Die Atmosphäre in der Gruppe oder Liste gleicht dann einer römischen Arena -- und derjenige, der in der Schusslinie steht, fühlt sich wie der Gladiator.

Manchmal kann ein Beitrag zum Wutausbruch vor dem Bildschirm führen. Man sollte sich aber nicht provozieren lassen. Einfache Faustregel: Schreiben Sie nichts, was Sie Ihrem Gesprächspartner nicht auch vor versammelter Mannschaft ins Gesicht sagen würden.

Trolle

Allerdings gibt es Menschen, die sich köstlich amüsieren, wenn andere sich über ihre Beiträge aufregen. Im Netz werden sie "Trolle" genannt. Sie gelten als Menschen, die bewusst provozieren und Unfrieden stiften. Eine häufige Reaktion auf deren Beiträge ist der Hinweis "Don't feed the trolls!" an den Rest der Gruppe, also: "Bitte nicht füttern!" Futter für Trolle ist Aufmerksamkeit -- wenn man sie einfach ignoriert, verschwinden sie meist von alleine wieder.

Einige Web-Foren bieten so genannte "Trollwiesen" an, im Usenet existiert die Gruppe de.alt.flame. Beides bietet denen, die es brauchen, einen Platz zum Toben.

Mit Messer und Gabel

Viele Newsreader und Mail-Programme, inzwischen auch manche Web-Foren, bieten Filter an, mit denen sich unliebsame Zeitgenossen "ausblenden" lassen -- ihre Beiträge werden einfach nicht mehr dargestellt, wenn der Filter aktiv ist. Im Usenet heißen diese Filter "Killfile". Das Geräusch, wenn jemand auf dem Boden des Killfiles aufschlägt, wird Comic-ähnlich mit "plonk" umschrieben. Eine Antwort, die ein deutliches "plonk" enthält, bedeutet also ganz klar: "Dich will ich nicht mehr lesen." Jegliche Diskussion mit dem Plonkenden ist sinnlos -- er liest sie ja nicht mehr.

Abb. 2: Wo diskutiert wird, geht es häufig heiß her.

Manche Foren und viele Listen sind moderiert. Jedes Posting wird von den Moderatoren abgesegnet, bevor es die ganze Gruppe zu Gesicht bekommt. Dort, wo es keinen offiziellen Moderator gibt, trifft man häufig "Regulars" oder "Hausmeister": Regulars sind meist langjährige Mitglieder einer Gruppe, die sich durch Fachwissen und ihr Verhalten einen Namen gemacht haben. Sie greifen dann ein, wenn es hitzig wird oder die Diskussion zu weit vom Thema abweicht.

Nicht in jedem Forum, in jeder Liste und jeder Newsgroup kann über alles schwadroniert werden. Zwar weichen immer wieder einzelne Beiträge oder Diskussionsteile ab und werden "off topic" (OT), der Hauptteil der Postings bezieht sich allerdings schon auf das Thema. Bei Webforen findet sich meist neben dem Namen des Forums noch eine kurze Beschreibung dessen, was inhaltlich erwünscht ist. In Newsgroups heißen diese Beschreibungen des thematischen Rahmens "Charta". In vielen Newsgroups werden sie gemeinsam mit den FAQ (engl. für Frequently Asked Questions, häufig gestellte Fragen) regelmäßig, oft wöchentlich, gepostet. Bei der Anmeldung zu einer Mailingliste steht der thematische Rahmen meist in der Willkommens-Mail.

Grundsätzlich sind thematische Rahmenbedingungen dehnbar. Zum Beispiel werden in der Newsgroups de.alt.fan.aldi nicht nur die Angebote des Kult-Discounters diskutiert, sondern auch die der Konkurrenz. Fragen zu Computer-Hardware sind allerdings nicht gerne gesehen, auch wenn diese Computer von Aldi stammen. Doch solche Feinheiten sind für einen Neuling nicht auf den ersten Blick erkennbar, wenn sie nicht bereits in der Charta erwähnt sind. Um nicht unbeabsichtigt in einen Fettnapf zu treten, hilft es, einfach ein paar Tage nur still mitzulesen, bevor man sich zu Wort meldet. Alternativ kann ein aufmerksamer Blick ins Archiv einer Mailingliste oder Newsgroup dabei helfen, ein Gefühl für die angestrebte Gruppe zu bekommen. Newsgroups lassen sich komfortabel mit http://groups.google.de durchsuchen. Mailinglisten haben meist ein Archiv, das aber oft nur Mitgliedern zugänglich ist. Hier muss man sich also zuerst anmelden, um den Zugriff auf das Archiv zu bekommen.

Archive und FAQs lassen sich aber auch noch für andere Dinge nutzen. Nichts ist so peinlich wie eine Frage, die vor kurzem erst in aller Ausführlichkeit behandelt wurde. Auf solche Fragen und ähnliche, deren Lösung sich mit einer gängigen Suchmaschine hätte finden lassen, kommen häufig Antworten mit der Anweisung "RTFM" (engl.: read the fucking manual, lies das verdammte Handbuch). Die freundliche Variante dieser Aufforderung beginnt meist mit den Worten "Google ist Dein Freund..." Ein Blick ins Archiv und eine kurze Suche vorab helfen, auch diesen Fettnapf zu vermeiden.

Abb. 3: Google durchsucht auf Knopfdruck Newsgroups.

Abb. 4: Viele Mailinglisten bieten ihr Archiv öffentlich an.

Was auf den Tisch kommt...

Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, off topic zu fragen. Ein solcher Beitrag wird freundlicher aufgenommen, wenn er mit "OT" in der Betreffzeile gekennzeichnet ist. Dadurch ist es für die Mitlesenden möglich, den Beitrag zu löschen oder die Diskussion nicht weiter zu verfolgen.

Generell sind aussagekräftige Subject- (Betreff-) Zeilen eine gute Idee. Schließlich sind sie das erste, was andere von Ihrem Beitrag zu lesen bekommen -- und wie im "richtigen Leben" entscheidet auch hier der erste Eindruck über Sympathie oder Antipathie und damit darüber, ob der Beitrag gelesen wird. Unter einem Betreff wie "Hilfe" oder "Frage" kann sich niemand etwas konkretes vorstellen. Um zu wissen, worum es geht, müssten andere den Beitrag erst lesen. Das kostet Zeit, und Zeit ist auch im Netz kostbar. Viele Leute lesen mehrere Mailinglisten oder Newsgroups regelmäßig. Nicht jeder Beitrag ist dabei für sie interessant. Durch aussagekräftige Subjects machen Sie es Mitlesenden einfacher, die für sie relevanten Dinge herauszusuchen.

Wenn Sie mehrere Themen ansprechen wollen, dann müssen sie nicht mit Beiträgen knausern und alles in einen packen. Besser ist es, die unterschiedlichen Fragen auf mehrere Postings zu verteilen. Das vermeidet thematischen "Salat".

Gerade bei länger andauernden Diskussionen kann es passieren, dass das Thema, über das debattiert wird, sich relativ weit vom Ursprung entfernt hat. Vielleicht drehte sich die Diskussion ursprünglich einmal um Festplatten, ist aber inzwischen bei der Daseinsberechtigung von Altbier angekommen. In einem solchen Fall darf sich das Subject verändern. Dazu wird das Schlüsselwörtchen "was" (engl.: war) benutzt. Lautete die Subject-Zeile also bis dato "Festplatte knackt", so können Sie sie in "Altbier macht blöd (was: Festplatte knackt)" ändern. Viele Mail-Programme und Newsreader schneiden den in Klammern stehenden Teil bei der nächsten Antwort heraus, so dass nur noch das aktuelle Subject übrig bleibt.

...wird gegessen

Rechtschreibung ist nicht erst seit der vierten Reform der Reform ein Thema. Kaum jemand schreibt perfekt und fehlerlos, gerade in einem schnellen Medium wie dem Internet sind Tippfehler häufig. Manche Vertippseler haben es sogar schon zu Kultstatus gebracht, beispielsweise das Wort "falsch": Wer es korrekt schreibt, handelt sich damit nicht selten Kommentare in der Art von "Du hast flasch flscah geschrieben" ein.

Alles in allem sollte allerdings eine leserliche Art von Rechtschreibung selbstverständlich sein. Als Faustregel gilt: Wer mehr Fehler macht als die Hälfte der Mitlesenden, wird auch mehr als der Hälfte der Mitlesenden negativ auffallen.

Wer viel chattet, vernachlässigt meist seine shift-taste und schreibt alle worte klein. In Mailinglisten, Foren und Newsgroups schaden ein paar Großbuchstaben an passender Stelle allerdings nicht. Abwechslungsreich gestaltete Groß- und Kleinschreibung erlaubt ein flüssigeres und damit schnelleres Lesen der Beitrage -- wAs NaTüRLIch niCHt beDeUTen sOLL, daSS Sie diE gROßBUcHsTABen WillKüRLich sETzeN kÖNneN.

Reine Großschreibung ist ebenso schlecht zu lesen wie reine Kleinschreibung. Sie wird nur in seltenen Fällen angewandt, DENN REINE GROSSSCHREIBUNG GILT ALS DIE VIRTUELLE FORM VON GEBRÜLL.

Satzzeichen sind dazu da, dem Satz den richtigen Ausdruck zu geben. Allerdings erhöht es die Intensität eines Beitrags überhaupt nicht, wenn Satzzeichen gleich hordenweise auftreten. Netizens sehen multiple Satzzeichen überhaupt nicht gerne, und im Normalfall sind sie auch unnötig.

Tofu

In Diskussionen beziehen sich die Beiträge aufeinander. Es hat sich eingebürgert, die Beiträge der Diskussionspartner abschnittsweise zu kommentieren. Dazu gehört auch, die nicht benötigten Teile vor dem Abschicken zu löschen. Wenn die Antwort vor der Frage steht, also der Kommentar statt unter über den ursprünglichen Beitrag geschrieben wurde, entsteht sogenanntes TOFU. Man muss nicht zwingend Vegetarier sein, um TOFU zu produzieren; das Akronym steht für "Text oben, Fullquote unten." Eine absolute Unsitte ist das Kommentieren einer seitenlangen Mail mit einem knappen "Find' ich auch" oder "Ja". Gerüchteweise wird diese Unsitte vor allem von AOL-Usern gepflegt. Daher findet sich gelegentlich auch statt einer Zeile Zustimmung ein einfaches "AOL."

Solange Du Deine Füße...

Missverständnisse gibt es im Internet ebenso wie im realen Leben. Ein Scherz oder ironischer Kommentar, der im Freundeskreis garantiert richtig verstanden wird, kann in den Foren und Newsgroups auch Verärgerung auslösen, weil die Aussage nicht als humorvoll erkannt wurde. Ein Smiley wie ;-) an passender Stelle kann hier wahre Wunder bewirken.

Smileys gehen im Eifer des Gefechts ab und an verlustig. Gehen Sie ruhig zugunsten Ihrer Diskussionspartner davon aus, dass diese den Smiley vergessen haben, und fragen Sie nach, bevor Sie einen Flame War vom Zaun brechen.

Vor allem im Usenet herrscht eine besondere Art von Humor. Ein Punkt, an dem dieser Humor zum Ausdruck kommt, sind die Signaturen. Eigentlich dienen die vier Zeilen à 80 Zeichen am Ende einer Mail im geschäftlichen Kontext dazu, nochmal alle Kontaktdaten wie Telefonnummer und eigene Website auf einen Blick zu präsentieren. Im Usenet nutzt man sie oft, um Highlights weiter zu verbreiten. Viele Anwender hängen also an ihre Beiträge die Aussagen weiser Männer, Filmzitate oder Highlights aus Diskussionen an. Abgetrennt wird eine Signatur grundsätzlich mit der Zeichenkombination "-- ", also Bindestrich, Bindestrich, Leerzeichen. Die meisten Mail-Programme sind in der Lage, alles, was auf diese Zeichenkette folgt, beim Antworten auf diesen Beitrag direkt herauszuschneiden, so dass man die Signatur nicht manuell löschen muss.

Hilfestellung nicht nur zur Frage der Konfiguration des Lieblings-Newsreaders gibt im deutschsprachigen Usenet vor allem die Newsgroup de.newusers.questions. In de.newusers.infos finden Sie in regelmäßigen Abständen alle wesentlichen FAQs, um unfallfrei durch die de-Hierarchie zu kommen.

Riskieren Sie beim Antworten auf einen Beitrag ruhig einen Blick ins Empfängerfeld. Gerade bei Mailinglisten herrscht Wildwuchs in der Konfiguration -- jede Software reagiert anders auf den Klick auf "Reply". Mal sortiert sie automatisch die Adresse der Liste ins To:-Feld, mal die des ursprünglichen Absenders. Ein wachsames Auge vor dem Absenden kann verhindern, dass private Telefonnummern oder Einladungen zum Dinner for two in der Liste landen und so für allgemeine Erheiterung sorgen.

Im Netz wird eigentlich rund um die Uhr heiß diskutiert. Haben Sie keine Hemmungen mitzumischen! Aber machen Sie Ihren Standpunkt deutlich. Bringen Sie die Dinge auf den Punkt, damit Ihre Diskussionspartner auch bei nur flüchtigem Lesen einordnen können, was Sie sagen. Vor allem Beiträge, die länger als eine Bildschirmseite sind, werden häufig nur überflogen und nicht aufmerksam gelesen. Insofern ist hier weniger mehr.

Nicht selten werden die im Netz begonnenen Gespräche offline fortgeführt, am Telefon oder bei einem gemütlichen Bier. Das Netz gleicht manchmal einer wahren Kontaktbörse. Nicht nur deswegen wird in vielen Listen und Gruppen die Verwendung des Real Names, also des realen Namens, gefordert. Wer sich als "Ute18" oder "perfect_nobody" in Diskussionen einklinkt, findet häufig nicht viele Gesprächspartner. Viele Anwender blockieren Beiträge von Pseudonymnutzern pauschal. Nur in Webforen sind die Regeln etwas lockerer, dort sind Nicknames Alltag.

Mixed Menue

Um in den vielfältigen Gesprächsangeboten des Internet mitzumischen, reicht eine gute Portion Fingerspitzengefühl aus. Niemand ist perfekt, und solange Sie mit offenen Augen danach schauen, was Ihre Postings von denen Ihrer Mitmenschen unterscheidet, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Formalia sind zwar wichtig, viel wichtiger ist aber ein freundlicher und höflicher Umgangston. Scheuen Sie sich also nicht, Ihr Wissen einzubringen und auch auf die Fragen anderer zu antworten. Das Netz lebt vom Mitmachen, und nur wenn weiterhin so viele Menschen das Ihre dazutun, kann es so bunt, vielfältig und lebendig bleiben. (hge)

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