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Erschienen in EasyLinux 09/2004   »   Ausgabe bestellen

Thunderbird unter Windows und Linux

Two in one

von Inga Rapp


Ein Betriebssystem kommt selten allein. Sind Windows und Linux installiert, liegen persönliche Daten oft auf separaten Partitionen, um allgemein verfügbar zu sein. Wir zeigen Ihnen, wie Sie auch Ihre Mails auf beiden Systemen lesen können: Thunderbird hilft dabei.

Der vollständige und endgültige Abschied von Windows ist ein eher seltener Fall. Meist sieht die Realität anders aus: Mehrere Betriebssysteme leben in friedlicher Koexistenz auf demselben Rechner, die persönlichen Daten liegen auf Drittpartitionen. Von jedem System aus soll der Zugriff auf die private Datensammlung gewährleistet sein.

Bei E-Mails kann dieser Wunsch allerdings schnell zum Problem werden. Fein heraus ist, wer IMAP benutzt: In diesem Fall liegen Mails und Ordnerstruktur fest auf dem Server des Providers, bei einem Zugriff auf die Mailbox ist es also gleichgültig, welches Betriebssystem gerade das Sagen hat.

Schwieriger wird die Sache, wenn POP3 als Übertragungsprotokoll zum Einsatz kommt -- und das ist bei den meisten Anbietern der Fall. Über POP3 werden Mails vom Server des Providers auf den heimischen Computer heruntergeladen. Mails, die unter Linux gezogen wurden, stehen dann unter Windows nicht zur Verfügung und umgekehrt. Eine Alternative besteht darin, nur unter einem System wirklich alles herunterzuladen und unter den anderen Systemen die Option Leave Messages on server zu nutzen, also die Möglichkeit, Mails trotz Download auf dem Server zu belassen.

Dieses Vorgehen hat allerdings zwei Nachteile: Zum Einen ist eine gewisse Disziplin im endgültigen Herunterladen erforderlich, denn jeder Server bietet nur begrenzten Platz, und gerade Freemailer wie GMX und Web.de genehmigen den Kunden ihrer Kostenlos-Varianten meist nur eine Handvoll Megabyte; zum Anderen muss auf diese Weise jede Mail doppelt heruntergeladen werden. Das kostet nicht nur doppelten Platz auf der Platte sondern auch die doppelte Download-Zeit -- bei Zeit- oder Volumentarifen ist das ein nicht unerheblicher Kostenfaktor.

Gemeinsamer Zugriff

Eine Möglichkeit, das Problem zu umgehen, besteht darin, von unterschiedlichen Betriebssystemen aus mit demselben Programm auf die gleiche Datenbasis zuzugreifen. Im Klartext: Alles, was E-Mail heißt, liegt auf einer allgemein zugänglichen Partition, das Mail-Programm ist sowohl Windows- als auch Linux-tauglich und wird unter beiden Systemen genutzt.

Der letzte Punkt scheint zunächst der schwierigste zu sein: Ein Tool wie KMail gibt es nicht für Windows, von den Alleskönnern der Gegenseite, wie The Bat!, existieren keine Linux-Varianten. Die einzige Programmarchitektur, die sowohl unter Windows als auch Linux zur Verfügung steht, stammt aus dem Mozilla-Projekt. Für das Beispielszenario verwenden Sie Thunderbird, den aus der Mozilla-Suite ausgekoppelten Mail-Client. Gegenüber Mozilla fehlen hier der Browser und sonstiger Schnickschnack, außerdem gilt er als klein und schnell und ist daher auch für ältere Rechner gut geeignet.

Thunderbird installieren

Anlaufstelle zum Download ist die Website http://www.thunderbird-mail.de. Hier gibt es alle aktuellen deutschen Versionen, außerdem Hilfestellung und Dokumentation. Laden Sie sich die neueste Version sowohl für Windows als auch für Linux herunter -- distributionsspezifische Pakete gibt es nicht. Sie sind auch nicht nötig, denn Thunderbird wurde so programmiert, dass er auf jedem Linux-System über ein Shell-Skript startbar sein sollte. Verwenden Sie unter Windows und Linux die gleiche Version von Thunderbird, um Probleme auszuschließen.

Für die Dual-Boot-Variante beginnt die Arbeit auf der Windows-Seite. Installieren Sie Thunderbird durch einen Doppelklick auf die exe-Datei. Folgen Sie den Anweisungen des Installers und achten Sie unbedingt darauf, als Installationstyp benutzerdefiniert zu wählen (Abbildung 1), da Sie sonst das Zielverzeichnis nicht selbst bestimmen können. Genauso wichtig ist, dass Sie im letzten Fenster das Häkchen bei Thunderbird Mail jetzt starten gesetzt haben. Ist der Haken nicht gesetzt, kann es sprachliches Kuddelmuddel geben, Ihr Thunderbird kommt Ihnen dann eventuell nicht komplett auf Deutsch entgegen.

Abb. 1: Wählen Sie unter Windows die "benutzerdefinierte" Installation.

Wenn Thunderbird das erste Mal zum Leben erwacht, stellt er fest, dass er noch nicht weiß, wer Sie sind und was er für Sie tun soll. Ergo bittet er Sie, zuerst ein Profil anzulegen. Seien Sie so nett und tun Sie ihm diesen Gefallen. Geben Sie Ihre Mail-Adresse, die relevanten Server und alle übrigen notwendigen Daten ein.

Egal wo Sie Thunderbird installiert haben -- Ihr Profil landet nicht zwangsläufig auch dort. Ganz im Gegenteil meint Thunderbird, dass Ihre Daten nirgends besser aufgehoben sind als ausgerechnet auf der Systempartition. Bei einem Dual-Boot-Szenario müssen diese Daten aber außerhalb von C: liegen, dazu verschieben Sie das Profil.

Windows-Profil verschieben

Zunächst muss das Profil -- bleiben wir der Einfachheit halber bei 1a2b3c4d, auch wenn die kryptische Zeichenfolge bei Ihnen anders lauten wird -- auf eine Partition verlagert werden, auf die beide Systeme Zugriff haben. Das Dateisystem dieser Partition sollte unbedingt FAT32 sein. Das unter Windows gerade für die Systempartitionen inzwischen weit verbreitete NTFS kann Linux nur sehr unzureichend verarbeiten, FAT32 dagegen stellt kein Problem dar.

Zum Verschieben des Profils nutzen Sie das Dialogfeld unter Extras / Konten. Im Bereich Server-Einstellungen finden Sie ganz unten auf der Registerkarte den Eintrag Lokales Verzeichnis und daneben die Option Verzeichnis wählen (Abbildung 2).

Ersetzen Sie die Vorgabe durch ein Verzeichnis auf einer FAT32-Partition. Schließen Sie dann Thunderbird. Wechseln Sie nun in das Verzeichnis, in dem sich Thunderbird auf Ihrer Systempartition breitgemacht hat. Kopieren Sie alle Dateien, die dort liegen, ebenfalls auf die FAT-Partition.

Abb. 2: In diesem Dialog ändern Sie unter Windows das Profilverzeichnis.

Mit dem Windows-Explorer können Sie sich nun ansehen, dass Thunderbird alle relevanten Daten in das neue Verzeichnis verschoben hat. Gut so, genau dort gehören sie hin!

Präferenzen

Nehmen Sie sich nun die Datei prefs.js vor. In ihr sind eine ganze Menge Informationen zu Thunderbird zentral versammelt, unter anderem die zu den Speicherorten. Die prefs.js lässt sich nicht einfach mittels Dopelklick öffnen. Nutzen Sie das Kontextmenü der rechten Maustaste und wählen Sie den Eintrag Bearbeiten (Abbildung 3).

Abb. 3: Öffnen Sie die Konfigurationsdatei "prefs.js" in einem Text-Editor.

Vor allem Eines müssen Sie jetzt tun: Thunderbird muss wissen, wo er seine Daten zu suchen hat. Aus diesem Grund ändern Sie alle Pfadangaben in der Datei prefs.js, die auf C: verweisen, entsprechend nach E: (bzw. den Laufwerksbuchstaben, den Ihre FAT-Partition von Windows erhalten hat).

Abb. 4: In der Konfigurationsdatei suchen Sie nach Verweisen auf Laufwerk "C:".

Speichern und schließen Sie danach die Datei prefs.js. Wenn Sie nun Thunderbird wieder starten, sollte er alle Anweisungen von E: erhalten, nicht mehr von C:. Ob dem wirklich so ist, können Sie mit einem kleinen Trick feststellen: Benennen Sie den Thunderbird-Ordner auf C: einfach um, zum Beispiel in Thunderbird_weg oder etwas ähnliches. Wenn das Programm trotzdem einwandfrei arbeitet, hat die Migration des Profils funktioniert. Herzlichen Glückwunsch! Sollte etwas nicht funktionieren, werfen Sie noch einmal einen genauen Blick auf die Datei prefs.js -- vielleicht haben Sie an irgendeiner Stelle eine Pfadangabe übersehen oder sich vertippt.

Weitere Informationen zur Profil-Migration finden Sie unter http://kb.mozillazine.org/index.phtml?title=Thunderbird_:_FAQs_:_Changing_Profile_Folder_Location, leider allerdings nur in Englisch.

Schreiben Sie nun eine kleine Test-Mail und speichern Sie sie im Entwürfe-Ordner (Abbildung 5). Dieser kleine Trick wird Ihnen später helfen, unter Linux zu prüfen, ob wirklich alles glatt gegangen ist. Taucht die Mail dort dann wieder auf, war die Konfiguration erfolgreich.

Abb. 5: Die Test-Mail versenden Sie nicht, sondern legen sie im Entwürfe-Ordner ab.

Konfigurieren Sie nun die restlichen Aspekte von Thunderbird. Legen Sie Ihre persönliche Ordnerstruktur an, setzen Sie Filterregeln, richten Sie Ihr Adressbuch ein. Unter Windows ist Thunderbird auch in der Lage, Mails aus gängigen Windows-Mail-Programmen wie Outlook Express einzulesen, Mozilla-basierte Daten, wie zum Beispiel Mail-Ordner von Netscape Mail, kann Firefox unter beiden Systemen problemlos verwenden. Die komplette Konfiguration der Windows-Seite wird in einem späteren Schritt einfach nach Linux kopiert werden. Jede Änderung, die Sie danach tätigen, sei es ein Eintrag ins Adressbuch oder eine Filterregel, müssen Sie dann auf beiden Systemen von Hand durchführen. Daher sollten Sie sich an dieser Stelle genügend Zeit nehmen, um alle Einstellungen so perfekt wie möglich zu konfigurieren. Das spart später Arbeit.

Abb. 6: Unter Windows konfigurieren Sie Firefox; die Einstellungen übernehmen Sie später in die Linux-Version.

Zurück zu Linux

Nun wird es Zeit, den Redmonder Ableger zu verlassen und zum Pinguin zurück zu kehren. Rebooten Sie Ihren Rechner und starten Sie Ihr Lieblings-Linux.

Zunächst müssen Sie auch hier Thunderbird installieren. Kopieren Sie das tar.gz-Archiv in Ihr Home-Verzeichnis und entpacken Sie es dort. Sie finden danach ein Shell-Skript thunderbird.sh. Starten Sie es durch einen einfachen Klick -- und schon öffnet sich ein Thunderbird-Fenster. Weitere Installationsroutinen sind nicht nötig. Damit Sie später nicht immer wieder mit dem Konqueror in das Verzeichnis wechseln müssen, um dort das Shell-Skript anzuklicken, können Sie sich eine Verknüpfung zum Skript auf den Desktop legen.

Nach dem ersten Thunderbird-Start erscheint auch hier der Mailkonto-Assistent, den Sie bereits aus der Einrichtung unter Windows kennen. Brechen Sie ihn ab und schließen Sie Thunderbird. Der kurze Start war nötig, damit Thunderbird alle Dateien erstellt, die er im laufenden Betrieb braucht. Dieselben Dateien existieren bereits unter Windows. Sie werden sie gleich einfach kopieren und sich dadurch die erneute Konfiguration sparen.

Alles in Kopie

Wechseln Sie ins Windows-Thunderbird-Verzeichnis (das auf der FAT32-Partition) und kopieren Sie die Datei prefs.js in das Unterverzeichnis ~/thunderbird/defaults/profile Ihres Linux-Home-Verzeichnisses. Alle unter Windows getätigten Konfigurationseinstellungen stehen nun auch unter LInux zur Verfügung. Nur ein kleines bisschen anpassende Handarbeit ist vorab noch nötig.

Öffnen Sie die Datei prefs.js in einem Text-Editor, beispielsweise KWrite (Abbildung 7). An vielen Stellen in dieser Datei sind absolute Pfade eingetragen, und diese müssen Sie jetzt verändern. Suchen Sie nach allen Zeilen, die Windows-Pfadangaben wie C: enthalten. Diese Verzeichnisse ersetzen Sie durch die Pfade, die sich aus Sicht von Linux ergeben, also beispielsweise durch "/windows/c/". Aus dem Eintrag

user_pref("mail.root.none", "E:\\Thunderbird aktuell\\Profiles\\default.n5e\\Mail")

wird also dann zum Beispiel

user_pref("mail.root.none", "/win/e/Thunderbird aktuell/Profiles/default/Mail")

Abb. 7: Auch unter Linux bearbeiten Sie die Konfigurationsdatei "prefs.js".

In einem letzten Schritt entfernen Sie alle Zeilen, die den Eintrag "[ProfD]" enthalten. Thunderbird wird sie beim nächsten Start wieder ergänzen, dann aber selbständig die richtigen Angaben dort eintragen.

Speichern und schließen Sie danach die Datei prefs.js. Starten Sie Thunderbird und schauen Sie im Entwürfe-Ordner nach, ob Ihre Test-Mail noch dort liegt. Sind auch alle sonstigen Ordner vorhanden? Sind die Filterregeln da? Das Adressbuch? Sollte irgendetwas fehlen, prüfen Sie noch einmal die Angaben in der Datei prefs.js auf Tippfehler und übersehene Pfade -- meist liegt hier die Fehlerquelle.

Fazit

Auf den ersten Blick scheint es kompliziert, sich am Anpassen grundlegender Konfigurationsdateien zu versuchen. Wenn Sie diesen Weg allerdings einmal gegangen sind, wird er Ihnen nicht mehr so schwierig vorkommen. Wenn Ihnen nach einer Stunde konzentrierter Arbeit ein Mail-System zur Verfügung steht, das Sie von jedem Ihrer Betriebssysteme aus bequem nutzen können, hat sich der Einsatz doch gelohnt. (hge)

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