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Erschienen in EasyLinux 09/2004   »   Ausgabe bestellen

Multimedia und Rechte

DVD und MP3 -- nein danke?

von Hans-Georg Eßer


Linux gibt sich genauso multimedial wie andere Betriebssysteme, aber bei manchen Formaten und Medientypen, darunter auch vielen Spielfilm-DVDs, muss das freie System passen. Warum ist das so?

Nach den ersten Schritten mit Linux versuchen viele Anwender, die Multimedia-Funktionen auszutesten. Sind eventuelle erste Hürden bei der Einrichtung von Sound-Karte und CD-/DVD-Laufwerk umschifft, setzt oft große Verwunderung ein: Die meisten Linux-Systeme spielen nur wenige Film-DVDs ab, und einige können nicht mal MP3-Dateien wiedergeben geschweige denn welche erzeugen. Woran liegt das? Hat Linux hier wirklich weniger zu bieten als Windows?

Gute und schlechte Nachricht

Die gute Nachricht ist: Prinzipiell kann Linux mit allen Multimediaformaten ausgezeichnet umgehen -- wenn die richtige Software installiert ist, spielen Sie damit jede DVD ab, lauschen der MP3-Sammlung oder "rippen" Ihre Audio-CDs und erstellen daraus neue MP3-Dateien. Als DVD-Player eignet sich beispielsweise das Programm xine, alternativ stehen mplayer und ogle für die gleiche Aufgabe bereit. MP3s kann eigentlich jeder Linux-Media-Player wiedergeben (z. B. xmms), und das Rip-Tool grip wandelt Ihre Audio-CDs blitzschnell in MP3-Dateien um, die auch gleich automatisch den richtigen Namen und passende ID3-Tags erhalten, falls eine Internet-Verbindung besteht.

Doch nun die schlechte Nachricht: Viele dieser Features sind standardmäßig deaktiviert und können nur über etwas umständliche Prozesse aktiviert werden. Dazu müssen Sie in der Regel die installierten Versionen der Player entfernen und aus dem Internet neue Programmarchive ziehen und einrichten.

Distributorenschelte

Die Distributoren SuSE, Red Hat und MandrakeSoft werden wegen dieser eingeschränkten Programmversionen oft kritisiert: Was soll man denn mit einem Linux-System, das nicht mal DVDs und MP3s abspielen kann?

Doch die Kritik setzt da am falschen Ende an. Schuld sind Änderungen in der Gesetzgebung, die in den vergangenen Jahren dazu geführt haben, dass vieles, das technisch machbar ist, nicht mehr gemacht werden darf. Den beiden Punkten DVD-Wiedergabe und MP3-Erzeugung widmet sich der Rest dieses Artikels.

DVD-Abspielschutz CSS

Es könnte so einfach sein, DVDs auf dem heimischen Rechner abzuspielen: Wer etwa ein Komplettsystem mit DVD-Laufwerk kauft, erhält zum vorinstallierten Windows auch gleich die nötige Player-Software für Windows. Die kommerziellen Anbieter haben die nötigen Techniken, darunter vor allem die CSS-Entschlüsselung, als Lizenznehmer in ihre Software integriert: CSS, das Content Scrambling System [1], wird oft für einen Kopierschutz gehalten, ist aber tatsächlich nur ein Abspielschutz, der verhindert, dass DVDs auf nicht lizenzierten DVD-Playern abgespielt werden.

Um eine rechtlich unbedenkliche DVD-Player-Anwendung für PCs zu entwickeln, benötigt man eine CSS-Lizenz von der DVD Copy Control Association [2], mit der Lizenz erhält man auch so genannte Player-Keys, die für eine gegenseitige Authentifizierung von DVD und DVD-Player genutzt werden. Das Problem mit der CSS-Lizenz ist, dass die Schlüssel nicht öffentlich gemacht werden -- andererseits verbietet die GPL [3], ein unter dieser Lizenz entwickeltes Programm zu verändern und dann die Änderungen am Quelltext nicht offenzulegen. Damit schließen sich GPL-Programme und CSS aus: Die CSS-Lizenz verbietet die Offenlegung, die GPL erzwingt sie.

Unter Linux ist die Lage also problematisch. Zwar gibt es mit Intervideo einen kommerziellen Anbieter von DVD-Player-Software (WinDVD), der auch eine Linux-Variante namens LinDVD [4] entwickelt hat -- diese wurde nur leider nie auf den Markt gebracht. Seit über zwei Jahren weist die Web-Seite lapidar darauf hin, dass kein Verkauf an Endkunden angedacht ist, sondern LinDVD Hardware-Herstellern zum Bundling angeboten wird; bisher hat sich aber wohl kein Vertragspartner gefunden.

DeCSS

Für Linux besteht die Lösung darin, die so genannte DeCSS-Bibliothek zu verwenden, die (zumindest in den USA) rechtlich brisant ist. Unter dem Schutz des DMCA (Digital Millennium Copyright Act) geht die Videoindustrie dort gegen Anbieter von DeCSS oder darauf basierender Software vor. Aus diesem Grund enthalten die "regulären" Programmpakete der für Linux erhältlichen DVD-Player keinen DeCSS-Support und können somit nur unverschlüsselte DVDs abspielen -- die meisten DVDs sind aber CSS-kodiert -- DVDs ohne CSS erkennen Sie in der Regel daran, dass sie nicht das offizielle "DVD-Video"-Logo, sondern nur ein DVD-Logo tragen. Informationen rund um CSS bietet eine Seite des Chaos Computer Club [5].

Im Januar 2004 hat die DVD-CCA eine Klage zurückgezogen [6], in der sie ursprünglich feststellen lassen wollte, dass die Verbreitung von DeCSS ungesetzlich ist. Ob das aber ein Freibrief für Verteilung und Einsatz von DeCSS ist, ist unklar.

Xine-Versionen mit DeCSS-Support gibt es unter [7], die offiziellen MPlayer-Pakete von der MPlayer-Homepage [8] unterstützen DeCSS standardmäßig.

Bei fabrikneuen PCs, auf denen noch keine DVD abgespielt wurde, gibt es ein weiteres Problem: DVD-Player haben einen Hardware-seitigen "Region Code", der beim ersten Start der Player-Software eingestellt werden muss. Windows-Programme machen das automatisch; unter Linux verwenden Sie dazu das Programm dvd_region, wie im Kasten "DVD-Region-Code" beschrieben.

DVD-Region-Code

Ist Ihr DVD-Laufwerk noch nie zum Abspielen von Video-DVDs benutzt worden (auch nicht unter Windows), muss der Region-Code eingestellt werden. Für Europa ist das Region 2, und Sie können das mit dem Tool dvd_region wie folgt erledigen:

Ziehen Sie den Quellcode von der Adresse http://www.ox.compsoc.net/~swhite/DVD/dvd_region.c. Dann übersetzen Sie die Datei mit

gcc -o dvd_region dvd_region.c

(Dazu muss der C-Compiler gcc installiert sein.) Das übersetzte Programm rufen Sie dann mit dem Befehl

./dvd_region -s -r 2

auf. (Beim Aufruf muss eine Video-DVD im Laufwerk eingelegt sein.) Beachten Sie, dass die meisten Player nur einen begrenzte Anzahl von Region-Code-Änderungen zulassen. Wenn Sie dvd_region ohne Parameter aufrufen, erhalten Sie Informationen über die noch verbleibenden Wechsel:

# ./dvd_region
Drive region info:
Type: Drive region is set
4 vendor resets available
4 user controlled changes available
Region: 2 playable

Fraunhofer-MP3s

Die Enttäuschung ist groß, wenn Linux MP3-Dateien nicht erzeugen oder bei einigen Distributionen nicht mal abspielen kann. Auch hier gibt es rechtliche Gründe, die einige Distributoren dazu veranlassen, die nötigen Features aus Playern und Ripping-Tools zu entfernen: MP3 ist eine Kodierung, auf die die Fraunhofer-Gesellschaft ein Patent hält [9,10]. Das Lizenzmodell sieht vor, für MP3-Decoder (Player) und Encoder $ 0,75 bzw. $ 2,50 pro Software-Einheit zu entrichten -- offensichtlich ist das bei einem kostenlosen MP3-Player oder -Encoder nicht praktikabel.

Die Wiedergabe von MP3-Dateien wird dabei weniger problematisch als das Erzeugen von MP3s gesehen: Deswegen enthalten z. B. SuSE und Mandrake Linux zwar MP3-Player (xmms, JuK, ...), aber nicht die Encoder-Software, die für das Erstellen von MP3-Dateien benötigt wird. Red Hat Linux (bzw. der Nachfolger Fedora Core) ist noch restriktiver und liefert nicht einmal einen MP3-Player mit. Ein MP3-Plugin für den Player XMMS unter Red Hat Linux / Fedora gibt es unter [11], eine Anleitung zur Installation haben wir in Ausgabe 06/2003 [12] veröffentlicht -- diese bezieht sich zwar auf die ältere Red-Hat-Version 8.0, ist aber übertragbar.

Um MP3-Dateien zu erzeugen -- etwa mit dem Ripper Grip oder mit dem im Konqueror integrierten Feature der MP3-Ansicht einer Audio-CD --, benötigt man einen separaten Encoder. Gut funktioniert beispielsweise LAME [13]; fertige RPM-Pakete findet man unter [14].

Fazit

Nach Installation der benötigten Software ist Linux voll multimedia-tauglich. Den Linux-Distributoren kann man sicher nachsehen, dass sie das Risiko eines Rechtsstreits mit finanziell üppig ausgestatteten Unternehmen vermeiden wollen. (hge)

Infos
[1] CSS, Wikipedia-Artikel, http://en.wikipedia.org/wiki/Content-scrambling_system
[2] DVD-CCA, http://www.dvdcca.org/css/
[3] GNU General Public License, http://www.gnu.org/licenses/gpl.html
[4] Intervideo LinDVD Player, http://www.intervideo.com/jsp/LinDVD.jsp
[5] Chaos Computer Club zu CSS, http://www.ccc.de/tvcrypt/dvd/
[6] Rückzug der DVD-CCA-Klage, http://www.eff.org/IP/Video/DVDCCA_case/20040122_eff_pr.php
[7] Xine mit DeCSS, http://cambuca.ldhs.cetuc.puc-rio.br/xine/
[8] MPlayer, http://www.mplayerhq.hu/homepage/design7/dload.html
[9] Fraunhofer-Gesellschaft, Informationen zu MP3, http://www.iis.fraunhofer.de/amm/techinf/layer3/index.html
[10] MP3-Lizenzvergabe, http://www.mp3licensing.com/
[11] MP3-Plugin für XMMS/Red Hat, http://dag.wieers.com/packages/xmms-mp3/
[12] Andrea Müller: "Musik ab -- der Multimedia Player XMMS", EasyLinux 06/2003, http://www.easylinux.de/Artikel/ausgabe/2003/06/045-xmms/
[13] LAME-Projekt, http://lame.sourceforge.net/
[14] LAME-Pakete auf RpmSeek, http://rpmseek.com/rpm-pl/lame.html?hl=de&cs=lame

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