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von Mathias Schindler
Wer im Herbst 2004 auf der Frankfurter Buchmesse am Stand des Bibliographischen Instituts & F.A. Brockhaus vorbeiging, konnte schon einen frühen Blick auf eine kleine Premiere erhaschen. Im siebten Jahr des "Brockhaus multimedial" hat sich der Mannheimer Verlag entschlossen, eine Linux-Ausgabe des Nachschlagewerkes anzubieten.
Dies ist bereits das zweite Brockhaus-Nachschlagewerk für Pinguin-Liebhaber: Seit wenigen Jahren steht der "Brockhaus in Text und Bild" für derzeit 80 Euro in einer jährlichen Aktualisierung in den Regalen. Mit 122 000 Artikeln und 9000 Bildern entspricht er etwa einem mittleren mehrbändigen Taschenlexikon. Eine Linux-Umsetzung der großen Brockhaus-Enzyklopädie -- die Windows-Version der aktuellen Auflage kostet 990 Euro plus 99 Euro für das "Medienpaket" -- steht noch aus und ist vermutlich erst mit der 21. Auflage zu erwarten, die in anderthalb Jahren abgeschlossen sein soll.
Beim Brockhaus multimedial haben Linux-Anwender im Gegensatz zu ihren Windows-Kollegen nicht die Wahl zwischen einer Standard- und Premium-Ausgabe; das Angebot reduziert sich für sie auf die größere Ausgabe. Für 99 Euro gibt es dann aber auch eine komplette und bunt verpackte Ladung Weltwissen.
Zum Lexikon mit 240 000 Einträgen, die vom worterklärenden Einzeiler bis zum Referat reichen, gesellen sich ein Erd-, Mond- und Marsatlas, ein animiertes Anatomie-Gimmick und ein Länderpuzzle. Begriffe, die die Lexikonredaktion für deutsche Zungen als schwierig empfunden hat, sind mit einer Aussprachehilfe bestückt. Leider reißt die Aussprache oft mitten im Wort ab, so dass sich der Nutzen nicht immer auf Anhieb offenbart.
Die Systemvoraussetzungen wirken einigermaßen bescheiden, die Verpackung spricht von einem Pentium-II ab 350MHz aufwärts und fordert 1,3 GByte freien Festplattenplatz. Wer alle Daten auf die Platte kopieren möchte, ist mit 4 GByte dabei. Die monatlichen Updates liegen im einstelligen MByte-Bereich. Nicht sparen sollte man bei der Bildschirmauflösung, bei 1024x768 Pixeln (gewünscht sind mindestens 800x600) ist die Oberfläche prall gefüllt. Bei der Portierung auf Linux wurden die multimedialen Beigaben teilweise angepasst, so zum Beispiel die Videos, die einigen Artikeln beigefügt sind und aus Archiven der Tagesschau stammen. Man setzt hier auf den freien Videocodec Theora, geschadet hat es hat den Aufnahmen nicht sonderlich.
Den Brockhaus Multimedial installieren Sie als distributionsübergreifendes RPM-Paket von der DVD.
Die Installation unter Fedora Core 2 verläuft ähnlich einfach:
Offiziell nicht unter den unterstützten Distributionen aufgeführt, funktioniert der Brockhaus multimedial auch unter Mandrake Linux 10.1.
Beim ersten Start fragt der Brockhaus multimedial die Registrierungsdaten ab, die Sie auf der Rückseite der DVD-Plastikhülle finden. Die Installationsroutine lässt Sie nun auswählen, welche Teile auf die Festplatte installiert werden sollen. Auf der Platte installierte Programmteile können dann schneller geladen werden, verbrauchen aber zusätzlichen Festplattenspeicherplatz.
Die ersten Schritte in der Brockhaus-Oberfläche fallen leicht. Der Startbildschirm wirkt aufgeräumt, und ein Laufband liefert unaufhörlich kleine Auszüge aus den Artikeln (Abbildung 1).
Schnellentschlossene können sofort lostippen und erhalten mit jedem Tastendruck einen Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis. Mit [Eingabe] sucht das Programm im Volltext im kompletten Lexikon bzw. springt direkt zum eingegebenen Begriff. Höflich macht das Programm auch Vorschläge zu ähnlich geschriebenen Wörtern mit eigenem Eintrag. Darüber hinaus gibt es -- standardmäßig nach Relevanz sortiert -- eine Liste aller Artikel aus, in denen das gesuchte Wort ebenfalls vorkommt.
Dabei stößt man auch schnell auf erste Ungereimtheiten. Wer nach "Gates" sucht, wird zuerst auf "Gates, William Henry III, genannt Bill" geführt, der einen ansehnlich langen Artikel über den Microsoft-Firmengründer enthält. Darüber hinaus findet sich dann noch ein weiterer Artikel, "Gates, Bill, eigentlich William Henry Gates", der zwar kürzer ist, dafür aber mit Aussprachehilfe versehen wurde. Wer vom reichsten Mann der USA noch nicht genug gelesen hat, darf dann im Premium-Artikel "Bill Gates" noch einmal annähernd das Gleiche mit anderen Worten lesen. Glücklicherweise sind die Artikel untereinander konsistent, jedoch unterschiedlich im Tonfall. Das Prinzip der Informationsschnitzeljagd findet sich auch an anderer Stelle wieder, etwa im Artikel "Langer Marsch", der in zweifacher Ausführung mit unterschiedlichen Formulierungen das Gleiche sagt. Die gleichen Informationen sind zusätzlich noch in einen Artikel "Hätten Sie's gewusst?" verpackt. Ein einzelner Artikel ohne Wiederholungen, dafür mit einer tiefergehenden Betrachtung wäre hilfreicher gewesen.
Wer sich einem Thema nähern will, ohne so recht zu wissen, wo er beginnen soll, nutzt die hierarchische Themenliste am oberen Rand des Programmfensters. Von Kunst über Malerei hangelt man sich so bis zur Gotik und kann dann von diesem Übersichtsartikel zu einzelnen Fachartikeln vorstoßen.
Einen völlig anderen Zugang stellt die grafische Zeitleiste dar (Abbildung 2): Beginnend im Jahr 10 000 vor unserer Zeitrechnung setzt sie geschichtliche Abläufe zueinander in Beziehung.
Wen es nach Ton und Film gelüstet, der kann im "Multimedia-Center" gezielt nach einzelnen Medientypen Ausschau halten und dort zwischen Nationalhymnen, Videos, Vogel- und Säugetierstimmen, Reden (meist deutscher Politiker) und anderen Beigaben wählen. Eine Reihe von ihnen sind in Macromedias Flash-Format gespeichert und werden in einem externen Browser geöffnet.
Die Profi-Suche ermöglicht es, gezielt in einzelnen Bereichen des Lexikons nach Inhalten zu fischen. Auch eine Suche nach aktualisierten Artikeln ist möglich, leider jedoch kein Vergleich zwischen alter und neuer Version.
Den umgekehrten Weg zur Suche geht die Themenstatistik, die brav und schweigsam in der linken unteren Ecke platziert jeden aufgerufenen Artikel protokolliert und dann in einer Tortengrafik aufbereitet. Nützlich für all jene, die vielleicht gezielt die dunklen Ecken ihres Allgemeinwissens aufpolieren wollen.
Ein besonderes Schmankerl ist die Anbindung des Brockhaus multimedial ans Internet. Klickt man bei einem Artikel auf das grüne dpa-Logo, öffnet sich ein Browser-Fenster mit den Treffern aus der Bilddatenbank der deutschen Presseagentur. Die Bilder (etwa im Format 600x400 Pixel) sind leider mit einer Reihe von störend auffälligen Wasserzeichen versehen.
Viele der Lexikoneinträge enthalten Hyperlinks auf weiterführende Seiten. Im Test stürzte die Software beim Klicken auf die Links gelegentlich ab. Nach dem Neustart fragt das Programm brav, ob es nach einer neuen Version suchen darf, wobei bis zum Redaktionsschluss noch keine Abhilfe verfügbar war.
Ebenfalls für Nutzer mit Internet-Anschluss gedacht ist das monatliche Update des Artikelbestandes, das bis Dezember 2005 im Kaufpreis inbegriffen ist. Stammt der Text der Verkaufsversion noch vom Redaktionsstand 15. Juni 2004, sind bisher mehr als 600 Artikel aktualisiert worden. So ist zum Beispiel das Todesdatum von Jassir Arafat bereits korrekt vermerkt und sein Nachfolger Mahmud Abbas erhielt als möglicher Nachfolger einen eigenen Artikel.
Trotz Update-Funktion findet sich im Textbestand allerdings auch manch veralteter oder schlichtweg falscher Text; neugierig waren wir besonders auf die Darstellung von Linux in der Enzyklopädie -- und fanden auch prompt einige Fehler: Da wirft der Brockhaus Gemeinfreiheit und das Linux-Lizenzmodell, die GNU General Public License, kurzerhand in einen Topf: "Das bekannteste Public-Domain-Projekt ist aber das von Unix abgeleitete Betriebssystem Linux". Der Leser erfährt, dass "die Besonderheiten von Linux darin liegen, dass es kostenlos ist bzw. nur zum Preis des Vertriebsmediums verkauft werden darf". In Wirklichkeit kennt die GPL keine solchen Einschränkungen -- sonst könnten auch Distributoren wie Suse und Mandrake kaum überleben.
Als Computer-freies Refugium hat der Brockhaus von 1906 im Volltext seinen Weg auf die DVD gefunden. Gleichlautende Artikel in der neuen und alten Ausgabe sind bequem durch die rechte Spalte miteinander verbunden. Passend zu den alten Texten hält sich auch die Programmoberfläche nostalgisch mit Schnörkelschrift und Ornamenten an den Stil der damaligen Zeit. Alle Karten des 80 000 Einträge starken Lexikons liegen als Scans in annehmbarer Auflösung bei.
Speziell für Schüler geeignet sind zwei Textdreingaben aus den Beständen der Firmentochter Duden. Die als HTML-Seiten auf der DVD beigelegten Texte bilden eine Art Lexikon neben dem Lexikon und orientieren sich im Aufbau an dem Stundenplan deutscher Mittelstufenschüler. Im Volltext auf der DVD enthalten ist auch ein Text "Die schriftliche Arbeit", der für 5 Euro im Buchhandel in gedruckter Form verkauft wird.
Große Sorgfalt hat Brockhaus beim Atlas (Abbildung 3) an den Tag gelegt, der laut Verlag zwei Millionen geographische Einträge enthält. In den einzelnen Ansichten (topographisch, politisch, tektonisch) ist die Legende völlig frei auswählbar, Bewegegungen des Mauszeigers entlocken dem digitalen Atlas zum Beispiel die Höhendaten eines Ortes. Eine Sortierung der Orte nach Relevanz -- was ein problematisches Unterfangen wäre -- fehlt allerdings, weshalb man die irakische Hauptstadt erst nach einer kleinen Suche zwischen Bagdad in Usbekistan, Bagdad in Arizona und Bagdad, Kentucky findet.
Hat man sich an der Erde sattgesehen, lockt der Atlas mit einem Ausflug auf den Mond oder Mars. Eingezeichnet in die detailreiche fotografischen Aufnahme sind die Landeorte der Apollo-Missionen, Krater und Berge unseres Trabanten. Wen es noch weiter wegzieht, der kann auf der Marskarte in der Nähe der Sonden Spirit und Viking nach interessanten Plätzen suchen. Einige Menüfunktionen wie die Suche nach Orten oder ein Umschalten der Farben im Höhenmodell verweigerten im Test auf Mond und Mars allerdings den Dienst.
Äußerst ansehnlich ist die Weltstatistik, eigentlich eine langweilige Reihe von Kennzahlen der Staaten dieser Erde, gestaltet: Alle Staaten und diverse staatsähnliche Gebilde können Sie einzeln oder im kontinentalen Block auswählen, nach Bevölkerungswachstum, Lebenserwartung, Bruttoinlandsprodukt und Energieverbrauch sortieren und vergleichen. Russland ist dabei sowohl Mitglied in Europa und Asien, Israel hingegen nur in Europa. Ägypten ist für die Statistik erstaunlicherweise in Asien angesiedelt.
Die Premiere auf einer neuen Plattform ist dem multimedialen Brockhaus passabel gelungen, nur an einzelnen Stellen hat man das Gefühl, dass hier mit heißer Nadel gestrickt wurde. Wer diesen Brockhaus wegen des Lexikons kauft, kann sich auf ein solides Werk aus einer erfahrenen Redaktion freuen, das in den meisten Fällen eine Antwort auf Fragen des Allgemeinwissens parat hat. Kundige Aufsätze von erfahrenen Autoren stehen hier jedoch neben Texten, die so besser nicht das Haus verlassen hätten. Ob Dateisysteme in ein Lexikon gehören, darüber lässt sich streiten, doch haben sie einmal ihren Weg dorthin gefunden, sollten Sätze wie "Ab Linux 7.1 können NTFS-Dateien von Linux-Installationen gelesen werden" lieber draußen bleiben. Dass hier einfach nur der Name einer Distribution vergessen, statt mit dem -- gerade bei Version 2.6 angekommenen -- Kernel verwechselt wurde, ist unwahrscheinlich. Wer über ein Nachschlagewerk hinaus noch Gefallen an kurzweiligen Puzzlespielen und Wissensquiz-Einlagen hat, findet in jedem der beigefügten Gimmicks einen Grund mehr, den Hunderter auf den Tisch zu legen. (eba)
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Last modified: 2007-04-05 11:10
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