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Erschienen in EasyLinux 05/2005   »   Ausgabe bestellen

Win4Lin für Windows 9x/ME und Windows XP/2000 im Test

Entfernte Verwandte

von Mirko Dölle


Windows von der Platte zu werfen und nur noch mit Linux zu arbeiten, scheitert oft an wenigen Programmen, für die es noch keine oder nur bedingt benutzbare Linux-Alternativen gibt. Mit dem Windows-Emulator Win4Lin klappt der Umstieg vielleicht doch.

Immer wieder hört man die Behauptung, dass es für alle Windows-Programme eine entsprechende Alternative für Linux gebe. Doch dies stimmt allenfalls für Standardanwendungen wie Internet-Browser und Textverarbeitung -- selbst das oft zitierte Beispiel, Gimp würde Adobes Photoshop ersetzen, hinkt entsetzlich. Und längst nicht alle Hersteller planen überhaupt, ihre Windows-Programme auf Linux zu portieren.

Wer auf bestimmte Windows-Anwendungen angewiesen ist, etwa weil er mit anderen an einem gemeinsamen Projekt arbeitet oder einfach beim Datenaustausch "kompatibel" bleiben muss, kommt an Windows einfach nicht vorbei. Ein Dual-Boot-System mit Windows und Linux auf getrennten Partitionen der Festplatte hilft nur bedingt, wenn man den größten Teil seiner Arbeit unter Linux erledigen möchte oder muss -- also muss ein Windows-Emulator her.

Zwischen zwei Extremen

Win4Lin von Netraverse nimmt gewissermaßen eine Mittelstellung zwischen dem Windows-Emulator Wine und dem PC-Emulator VMware ein: Während Wine ohne ein installiertes Windows auskommt und lediglich Funktionsaufrufe der Windows-Programme auf Linux "verbiegt", arbeitet Win4Lin mit den Original-Windows-Bibliotheken, verändert diese jedoch, um Windows besser ins Linux-System zu integrieren. VMware hingegen ist ein nahezu vollständiger virtueller Computer.

Beim älteren Win4Lin 5.1 ist die Integration in das Linux-Wirtssystem besonders hoch. So installiert das Programm das Windows-System einfach im Home-Verzeichnis des Benutzers, von Linux aus sind also alle Windows-Dateien sichtbar, was einen sehr einfachen Datenaustausch ermöglicht. Auch läuft die Windows-Sitzung einfach in einem Fenster und erlaubt sogar Copy & Paste.

Das neue Win4Lin Pro 6.0 ähnelt sehr viel mehr dem Konkurrenzprodukt VMware als der Version 5.1: So benötigt die Pro-Variante genau wie VMware eine virtuelle Partition, anstatt die Windows-Dateien ins Home-Verzeichnis des Benutzers zu kopieren. Damit entfällt auch der direkte Zugriff auf das Linux-Dateisystem, für den Datenaustausch muss daher auf der Linux-Seite am besten Samba installiert und korrekt konfiguriert sein.

Versionswirrwarr

Die Version 6.0 von Win4Lin löst nicht etwa die bisherige Version 5.1 ab, sondern ergänzt sie: Während die "alte" Version 5.1 nur die DOS-basierten Windows-Versionen 95, 98 und ME emuliert, arbeitet Win4Lin 6.0 ausschließlich mit Windows-NT-Varianten wie XP und 2000. Wegen dieser Zweiteilung muss man zwei Win4Lin-Lizenzen kaufen, um sowohl Windows 98 als auch Windows XP einzusetzen. Beide Lizenzen kosten allerdings zusammen so viel wie das sehr viel leistungsfähigere VMware.

Die eigentliche Installation von Win4Lin 6.0 ist einfach, der Hersteller Netraverse bietet das Programm als distributionsunabhängiges RPM-Paket zum Download an.

Die Version 5.1 benötigt zusätzlich einen speziell angepassten Betriebssystemkern, wobei Netraverse nicht für alle Distributionen fertige RPM-Pakete anbietet -- dadurch kann es passieren, dass einige Peripheriegeräte oder Rechnerkomponenten nicht mehr erkannt werden oder nicht so gut funktionieren wie zuvor. Zudem ist es nicht ungefährlich, den Betriebssystemkern auszutauschen: Geht dabei etwas schief, bootet Linux im schlimmsten Fall nicht einmal mehr, und ohne fundierte Kenntnisse ist eine komplette Neuinstallation oft die einfachste Wiederbelebungsmethode. Doch das kommt zum Glück nur selten vor; in den meisten Fällen genügt es, den zur Sicherheit gespeicherten Original-Kernel der Distribution im Bootloader auszuwählen und den Win4Lin-Kernel wieder zu entfernen. Der Kasten "Alten Kernel wieder zum Standard machen" erklärt die dazu nötigen Schritte.

Neuer Kernel für mehr Speed

Der Vorteil der Kernel-Anpassungen für Win4Lin 5.1 ist, dass einige der Instruktionen in Windows-Programmen direkt auf dem Prozessor ausgeführt werden anstatt sie zunächst zu konvertieren oder über andere Funktionen zu maskieren. Das hat erheblichen Einfluss auf die Ausführungsgeschwindigkeit der Windows-Programme -- daher ist Win4Lin 5.1 insgesamt schneller als etwa VMware. Bei der Version 6.0 gibt es diesen Geschwindigkeitsvorteil jedoch nicht mehr, doch dazu später mehr.

Win4Lin ist noch nicht einsatzbereit, nachdem man das RPM-Paket eingespielt und bei Version 5.1 den Kernel ausgetauscht hat: Im nächsten Schritt kopiert ein Hilfsprogramm die gesamte Windows-CD auf die Festplatte, was gut ein halbes Gigabyte Festplattenkapazität kostet. Dabei erwies sich Win4Lin 6.0 als äußerst wählerisch: Egal ob der Autor eine Original-Microsoft-CD mit Windows XP Home einlegte oder eine OEM-Version, die mit einem anderen Computer ausgeliefert wurde, das Hilfsprogramm loadwinproCD verweigerte jede einzelne. Erst mit einer fast fünf Jahre alten Windows-2000-CD war ein Test möglich.

Platznot auf Englisch

Für die Einrichtung von Win4Lin sollte der Benutzer zumindest über rudimentäre Englischkenntnisse verfügen, eine deutsche Version gibt es nämlich nicht. Auch ist die Bedienung der Hilfsskripte, wie in Abbildung 1 zu sehen, sehr umständlich -- man muss alle Programme in einem Terminal-Fenster direkt aus dem Installationsverzeichnis /opt/win4linpro/bin ausführen, da dieses Verzeichnis nicht im Standardpfad der Benutzer enthalten ist. Mit nur ein wenig mehr Programmieraufwand hätte Netraverse einen ansprechenderen und sogar mehrsprachigen Dialog einbauen können; die nötigen Fertigkeiten dazu vermittelte schon die Artikelserie "Programming Corner" aus dem LinuxUser. In der jetzigen Form ist die Installation für Einsteiger eine Zumutung.

Abb. 1: Die Hilfsskripte von Win4Lin 6.0 gibt es nur auf Englisch, zudem sind sie extrem rudimentär gehalten und kaum benutzerfreundlich.

Weitere Kritik muss sich Netraverse bei der technischen Umsetzung des Installationsskripts installwinpro (Abbildung 2) gefallen lassen. Während für die bisherige Installation Root-Rechte erforderlich waren, muss jeder Benutzer das Installationsskript selbst und wiederum von Hand aufrufen. Das Skript richtet dann im Heimatverzeichnis des jeweiligen Benutzers ein Verzeichnis ein (wenn nicht anders angegeben, heißt es winpro), in dem das Abbild der Windows-Partition sowie diverse Konfigurationsdateien gespeichert sind.

Abb. 2: Jeder Benutzer muss die komplette Windows-Installation selbst vornehmen. Dabei erkennt das Installationsprogramm nicht, wenn die Festplatte voll ist und das System dadurch unbrauchbar wird.

Standardmäßig legt das Installationsskript ein 4 GByte großes Abbild für Windows an, ohne dabei jedoch auf die zur Verfügung stehende Kapazität der Festplatte Rücksicht zu nehmen: Reicht der freie Platz nicht aus, gibt es weder eine Fehlermeldung noch bricht das Installationsskript ab -- die Installation läuft einfach weiter, im Fall von Windows 2000 dauerte dies über drei Stunden. Beim ersten Systemstart hängt sich Win4Lin dann jedoch auf, da das Festplattenabbild unvollständig ist.

Die neue Langsamkeit

Nach einer gelungenen Installation startet der Benutzer Win4Lin, indem er /opt/win4linpro/bin/winpro etwa über den Schnellstarter [Alt-F2] von KDE eingibt. Nach wenigen Sekunden startet ein virtuelles BIOS und bootet Windows. Insgesamt dauerte der Systemstart im Test bis zu drei Minuten -- fast drei mal so lange wie ohne Emulator. Insgesamt war die Ausführungsgeschwindigkeit indiskutabel langsam, für einfaches Browsen, Textverarbeitung und Tabellenkalkulation jedoch ausreichend. Das Problem ist, dass Win4Lin 6.0 ohne die bereits erwähnte Kernel-Anpassung sämtliche Anweisungen emulieren bzw. über eigene Funktionen abbilden muss.

In dem Zusammenhang kursiert das interessante Gerücht, wonach der Autor des freien Windows-Emulators Q-Emu Netraverse diverse Optimierungen seines Q-Emu für Win4Lin 6 zum Kauf angeboten habe -- offenbar scheint Win4Lin dem freien Q-Emu zumindest sehr ähnlich zu sein.

Ein weiterer Test der Version 6.0 über die Standard-Installation hinaus war nicht möglich, da nicht einmal die Einrichtung der virtuellen Netzwerkkarte funktionierte -- ein Datenaustausch mit Linux ist damit unmöglich, von einer Internet-Verbindung ganz zu schweigen.

Fazit

Win4Lin hat sich in der Version 5.1 bereits als stabiler Windows-Emulator bewährt, mit rund 90 Euro ist das Programm deutlich günstiger als etwa VMware und durch die gute Einbettung ins Linux-System auch flexibler. Die unterstützten Windows-Versionen 95, 98 und ME sind jedoch rar geworden.

Es wurde Zeit, dass Netraverse mit Win4Lin Pro 6.0 auch einen Emulator für NT-basierte Windows-Versionen wie 2000, XP und 2003 anbietet -- schließlich hat Windows XP das letzte DOS-basierte Windows-System ME bereits vor vier Jahren abgelöst. Bei der getesteten Version 6.0.0.19 hat sich Netraverse jedoch grobe Schnitzer geleistet, der 90 Euro teure Emulator ist derzeit nicht viel mehr als Augenwischerei oder ein öffentlicher Beta-Test am zahlenden Kunden: Selbst die grundlegenden Funktionen wie die Unterstützung von Windows XP oder die Einrichtung einer Netzwerkverbindung scheitern an eklatanten Progammierfehlern. Offenbar hat hier das Marketing den Verkaufstermin ohne Rücksprache mit den Entwicklern diktiert. Immerhin heißt es in der Pressemitteilung des Herstellers auch nur: "early support for Windows XP". Unter [3] finden sich detailliertere Angaben eines Entwicklers, nach denen z. B. eine Dateisystemintegration (wie bei Win4Lin 5.1) entwickelt, für die jetzt erschienene Version wegen Problemen aber noch nicht frei gegeben wurde. Die große Frage ist also, warum Netraverse ein unfertiges Produkt auf den Markt wirft.

Mit dem aktuellen Produkt schneidet sich Netraverse tief ins eigene Fleisch: Vor dem Kauf der Version 6.0.0.19 kann man nur dringend warnen. Es bleibt zu hoffen, dass Netraverse die größten Fehler schnellstens abstellt -- immerhin kann jeder Win4Lin einfach herunterladen und kostenlos für zwei Wochen testen, so dass man zunächst ausprobieren kann, ob Win4Lin für die eigenen Zwecke schon geeignet ist. Dem vollmundigen Marketing-Versprechen eines Windows-XP-Emulators für den professionellen Einsatz wird Win4Lin pro 6.0 nicht gerecht. (mdö)

Infos
[1] Win4Lin 5.1 im Detail: Hans-Georg Eßer, "Windows im Fenster", EasyLinux 12/2004, S. 22 ff.
[2] Win4Lin von Netraverse: http://www.win4lin.com
[3] Diskussion auf MandrakeUsers.org: http://mandrakeusers.org/lofiversion/index.php/t23073.html

Windows-Emulator Win4Lin Pro 6.0
Hersteller:Netraverse
Bezugsquelle:Ixsoft (http://www.ixsoft.de)
Beschreibung:Emulator für Windows XP und 2000
Preis:Download-Version ca. 90 Euro, 14-Tage-Testlizenz kostenlos

Win4Lin 5: Alten Kernel wieder zum Standard machen

Wenn Ihr Linux-System nach dem Einspielen des Win4Lin-Kernels Ihre Hardware nicht mehr erkennt oder gar nicht bootet, starten Sie Linux neu -- im Boot-Manager wählen Sie den früheren Standardeintrag, der meistens einfach "Linux" heißt -- Win4Lin hat seinen eigenen Eintrag "win4lin" zum Standard erklärt.

Melden Sie sich am Login-Bildschirm als Administrator root an und wechseln Sie in das Verzeichnis, das die Boot-Manager-Konfiguration enthält -- unter Suse Linux und Fedora Core 2 ist das /boot/grub/; bei Mandrake Linux 10.1 ist es /etc.

Grub speichert die Konfiguration in der Datei menu.lst. In Abbildung 3 sehen Sie, dass Win4Lin ein Backup der Konfigurationsdatei angelegt hat: Neben menu.lst liegt dort eine weitere Datei menu.lst.win4lin (bzw. grub.conf.win4lin oder lilo.conf.netraverse) -- das ist das Original.

Abb. 3: Bei der Installation eines angepassten Kernels für Win4Lin 5.1 wird automatisch eine Kopie der Bootloader-Konfigurationsdatei angelegt, hier "menu.lst".

Benennen Sie nun im Konqueror die Datei menu.lst in menu.lst.defekt um und anschließend die Datei menu.lst.win4lin in menu.lst -- achten Sie unbedingt darauf, dass Sie den Namen menu.lst richtig (also u. a. durchgehend in Kleinbuchstaben) schreiben -- anderenfalls kann Linux später gar nicht mehr starten. Gleiches gilt für Mandrake-Linux-Benutzer, hier heißt die Konfigurationsdatei lilo.conf an Stelle von menu.lst. Nach dem Ändern der LILO-Konfiguration ist ein manueller Aufruf des Programmes /sbin/lilo notwendig, um dem Boot-Manager neu zu schreiben; für Grub ist das nicht nötig.

Danach können Sie sich abmelden und zur Probe erneut booten -- jetzt sollte Linux wieder mit den alten Standardeinstellungen starten, allerdings wird dann Win4Lin nicht mehr funktionieren. (Hans-Georg Eßer/mdö)

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