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Erschienen in EasyLinux 05/2005   »   Ausgabe bestellen

Freie Lizenzen

GPL & Co.

von Elisabeth Bauer


Egal ob in der Schachtel gekauft oder aus dem Internet geladen -- eine Datei ist bei jeder Linux-Distribution dabei: Auf der GNU General Public License (GPL) beruht die Freiheit des Betriebssystems. Wir erklären, was sich dahinter verbirgt.

Am Anfang stand ein Papierstau -- und ein genervter Programmierer, der die Herumrennerei vom Arbeitsplatz zum Raum mit den Netzwerkdruckern satt hatte, nur um festzustellen, dass wieder ein Druckauftrag hängen geblieben war. Was lag da näher, als ein Programm zu schreiben, das allen Mitarbeitern den Status der Drucker am Arbeitsplatz anzeigte? Doch leichter gesagt als getan. Zwar fand der Programmierer tatsächlich einen Mitarbeiter des Druckerherstellers Xerox, der den dafür nötigen Quelltext der Druckertreiber hatte, doch dieser weigerte sich, ihn herauszurücken: Firmeneigentum.

Diese Situation Anfang der 80er Jahre hat Richard Stallman (Abbildung 1), damals Programmierer am Labor für Künstliche Intelligenz der amerikanischen Eliteuniversität MIT, oft als sein Schlüsselerlebnis für die Idee der Freie-Software-Bewegung beschrieben. Die Fähigkeit und der Wille, eine Software zu verbessern, waren da, doch scheiterte das Unterfangen daran, dass der nötige Quelltext "proprietär" war, also Eigentum einer Firma, die das alleinige Recht zu Modifikationen besaß.

Abb. 1: Richard Stallman ist der Gründer des GNU-Projekts. Er vertritt die Ideale, die hinter freier Software stecken.

GNU wie: GNU's not UNIX

Für Stallman gab das zu Beginn beschriebene Erlebnis den Anstoß, dagegen aktiv zu werden. Er kündigte 1984 seinen Job beim MIT, damit dieser als Arbeitgeber kein Recht auf seine Programme beanspruchen konnte, und gründete das GNU-Projekt [1] (Abbildung 2). GNU -- ein rekursives Akronym, das für "GNU's not UNIX" steht -- sollte ein freies Betriebssystem werden. Frei verstand Stallman dabei nicht als kostenlos (wie das oft zitierte Freibier): "Free software is a matter of liberty, not price." - "Freie Software ist eine Frage der Freiheit, nicht des Preises. Die Freiheit, das Programm laufen zu lassen, die Freiheit, es zu studieren und an die eigenen Bedürfnisse anzupassen, die Freiheit, es zu verteilen, und die Freiheit, es zu verbessern und die verbesserte Version zu veröffentlichen -- das waren für Stallman die vier Säulen freier Software.

Abb. 2: Vom GNU-Projekt stammt ein Großteil der Linux-Programme.

Stallmans Baby, den Text-Editor Emacs, gab es damals bereits, und zu ihm gesellten sich bald weitere Programme, die das GNU-Projekt zuerst unter individuellen freien Lizenzen und ab 1989 dann unter der GNU Public License (GPL) veröffentlichte.

Das GNU-Projekt schaffte es zwar, eine Reihe wichtiger Werkzeuge und Programme zu entwickeln, doch fehlte der für ein Betriebssystem unverzichtbare innere Teil, der Kernel, der sich um das Zusammenspiel des Ganzen kümmerte. Auf den Kernel des GNU-Projekts, an dem unter dem Namen Hurd programmiert wird, wartet die Welt bis heute, doch Anfang der 90er Jahre veröffentlichte der finnische Student Linus Torvalds den Linux-Kernel, den er 1992 ebenfalls unter die GPL stellte. Damit waren alle Voraussetzungen für ein freies Betriebssystem erfüllt, das in den Folgejahren erst unter Programmierern, später zunehmend auch unter Anwendern seine Liebhaber fand.

Stallmans vier Freiheiten spielten dabei eine wesentliche Rolle. Auch andere Projekte griffen die Lizenz des GNU-Projekts auf, so dass sich die GPL im Lauf der Jahre zur am häufigsten verwendeten Lizenz im Open-Source-Bereich entwickelte.

Nur mit Erlaubnis

Wer kommerzielle Software verwendet, kennt die -- üblicherweise in unleserlichen Großbuchstaben geschriebenen -- Lizenzhinweise, die er vor der Installation eines Programms akzeptieren muss. Diese Texte befreien den Hersteller von Schadenersatzansprüchen und untersagen das Kopieren, so genanntes Reverse Engineering, d. h. den Versuch, herauszufinden, wie die Software funktioniert, und vieles mehr.

Eine solche Lizenz ist kein Vertrag, sondern eine Nutzungserlaubnis. Sie legt die Bedingungen fest, unter denen der Anwender das Programm nutzen darf. Genauso funktioniert auch die GPL: Wer sich an die von ihr festgelegten Spielregeln hält, darf das Programm verwenden. Diese Spielregeln hatte Stallman um den Punkt herum konstruiert, der ihn interessierte: Freiheit. Die GPL sollte sicherstellen, dass niemand sich ein Programm aneignen, es ergänzen und erweitern und anschließend zu den in der kommerziellen Software-Welt üblichen restriktiven Bedingungen verkaufen konnte.

Weit hergeholt war diese Befürchtung nicht. Das Unix-Betriebssystem BSD erschien ebenfalls unter einer Lizenz, die die freie Weiterverbreitung gestattete. Allerdings enthielt diese keine Vorschriften für den Fall, dass jemand den Programm-Code nimmt und erweitert und dann das Programm auschließlich in binärer Form -- ohne den Code und damit für andere Programmierer nutzlos -- verkauft. So bediente sich beispielsweise die Firma Microsoft für die Entwicklung von Windows großzügig am BSD-Code, ohne je eine Zeile von ihren Änderungen der Allgemeinheit frei zur Verfügung zu stellen.

Copyleft und Copyright

Um solche Vorfälle zu verhindern, benutzt die GPL das Prinzip des "Copyleft": Jeder darf ein GPL-Programm kopieren und verbreiten, er darf auch Gebühren für die Bereitstellung auf CD oder für zusätzliche Leistungen verlangen, aber sobald er das Programm verändert und verbreiten will, muss er diese geänderte Version ebenfalls unter die GPL stellen und kostenlos (samt Programmquellen) der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Mit der letzten Klausel sorgt die GPL dafür, dass sich der Bestand freier Software beständig erweitert. Doch schnell entstanden auch Probleme: Häufig wollten Entwickler nicht ein GPL-Programm erweitern, sondern zum Beispiel lediglich einige Funktionen einer Software-Bibliothek in ihrem eigenen Programm nutzen. Um auch für Hersteller kommerzieller Programme Anreize zu schaffen, solche freien Bibliotheken zu verwenden, wurde die Lesser GNU General Public License (LGPL) mit weniger strikten Auflagen geschaffen. Viel von dem, was sich unter Linux in den lib-Verzeichnissen tummelt, steht unter dieser Lizenz.

Wer den Inhalt seiner Linux-Distribution durchforstet, wird noch auf ein Dutzend weiterer Lizenzen stoßen. Nicht alle Projekte fanden Stallmans Idee, Programmierer mit der GPL zur Freiheit förmlich zu zwingen, toll. So haben zum Beispiel der Web-Server Apache, die Skriptsprache Perl und der Browser Mozilla eigene Lizenzen.

Anwender können sich jedoch bei allen darauf verlassen, dass sie die Software frei kopieren und weitergeben dürfen. Kompliziert wird es mitunter für Distributoren und Programmierer, die genau darauf achten müssen, welche Anforderungen welche Lizenz stellt und wie sie diese miteinander kombinieren dürfen.

Wer sich beispielsweise über die vielen CDs oder DVDs seiner Distribution wundert, die der Installer nie anfordert, findet die Erklärung in den Bestimmungen der GPL: Nach ihr muss der Distributor die Quelltexte der Programme entweder mitverteilen oder auf Anfrage interessierten Kunden zusenden. Für den Anwender weitgehend nutzlos, stellt diese Sammlung an Quelltexten für Programmierer einen reichen Schatz dar: Steht er vor einem Problem, das ein anderer schon gelöst hat, kann er dessen Programm-Code kopieren und muss das Rad kein zweites Mal erfinden -- jedoch nur unter der Voraussetzung, dass er seine Ergebnisse ebenfalls mit anderen teilt.

Freiheit vor Gericht

Der Philosophie mancher Unternehmen sind diese Prinzipien zuwider. Je besser GPL-Programme wurden, desto mehr Begehrlichkeiten weckten sie auch bei Firmen, die Software in eigenen Produkten zu verwenden, ohne die Bestimmungen der GPL einzuhalten. Doch hier versteht die Open-Source-Community keinen Spaß.

Als mehrere Hersteller, darunter Asus, Fujitsu-Siemens und SecurePoint, in ihren Geräten Code aus Netfilter [2], einer Linux-Firewall-Software benutzt hatten, ohne die Änderungen wieder unter der GPL der Allgemeinheit zugänglich zu machen, zogen die Netfilter-Programmierer vor Gericht. Die meisten Fälle endeten mit einer außergerichtlichen Einigung: Einige der Firmen unterzeichneten Unterlassungserklärungen, andere erklärten sich bereit, die GPL einzuhalten. Ein Münchener Gericht sorgte im letzten Fall schließlich für die weltweit erste Überprüfung der GPL vor Gericht, erklärte die Lizenz für gültig und erließ gegen die Firma Sitecom eine einstweilige Verfügung, die betroffenen Router in Deutschland nicht weiter zu vertreiben, ohne die Lizenzbestimmungen zu beachten -- für die Open-Source-Community war das ein großer Sieg.

Für Kreative

Ein weiterer Erfolg stellte sich dagegen eher unbeabsichtigt ein: War die GPL in ihren Bestimmungen ganz auf Programme ausgerichtet, stellte sich schnell auch die Frage, was mit der Dokumentation -- Hilfeseiten, Handbüchern und Tutorials -- geschehen sollte. Wenn er die Dokumentation nicht kopieren durfte, nützte dem Anwender schließlich das beste freie Programm nichts. Zu diesem Zweck formulierte das GNU-Projekt deshalb die GNU Free Documentation (GFDL), die ähnlich wie die GPL freies Kopieren und Verteilen von Dokumenten gestattet -- unter der Bedingung, dass auch modifizierte Versionen wieder unter derselben Lizenz veröffentlicht werden müssen.

Auf die GFDL stieß 1991 der amerikanische Unternehmer Jimbo Wales, als er für sein Enzyklopädieprojekt Wikipedia [3], an dem sich jeder übers Internet als Autor beteiligen konnte, eine freie Lizenz suchte. Wikipedia, die heute mehr als eine Million Artikel in über 100 Sprachen umfasst, übertrug die Ideale der freien Software in den Bereich des Wissens.

Doch schnell zeigten sich auch die Schwächen der GFDL. Viele der Bestimmungen waren zwar für von zwei, drei Autoren verfasste Software-Handbücher brauchbar, nicht aber für die Wikipedia, an der Tausende von Menschen aus aller Welt mitarbeiten. Das komplizierte Juristenenglisch der GFDL sorgte ebenfalls eher für Abschreckung.

Creative Commons

Der jüngste Spross der freien Lizenzen ist angetreten, diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Lawrence Lessig, Jura-Professor an der Stanford University, gründete das Projekt Creative Commons [4], das Künstler motivieren will, ihre Werke der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Creative Commons bietet an lokale Rechtssysteme angepasste Lizenzen zum Zusammenklicken an. Ob Autorennennung verpflichtend vorgeschrieben, kommerzielle Verwertung verboten oder Veränderungen gestattet sind, kann dort jeder über ein Web-Formular individuell einstellen und erhält am Ende die passende Lizenz in dreifacher Ausfertigung: maschinenlesbar, in Juristensprache und in einer für "Normalsterbliche" verständlichen, einfachen Textversion.

Abb. 3: Das Creative-Commons-Projekt überträgt die Konzepte freier Software in den Bereich der Kunst.

Ob sich die Künstlerszene fürs Teilen begeistern lässt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Im Software-Bereich haben sich viele freie Projekte jedenfalls längst zu ernsthaften Alternativen kommerzieller Programme entwickelt -- nicht zuletzt dank Lizenzen wie der GPL, die den freien Austausch von Wissen und die Zusammenarbeit fördern. (hge)

Infos
[1] GNU-Projekt: http://www.gnu.org/home.de.html
[2] Netfilter: http://netfilter.org
[3] Wikipedia: http://de.wikipedia.org
[4] Creative Commons: http://de.creativecommons.org

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