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Erschienen in EasyLinux 07/2005   »   Ausgabe bestellen

Mit Thunderbird Web-Mail abrufen

Das Web nach Hause holen

von Carsten Schnober


Dank einer Erweiterung ruft das Mail-Programm Thunderbird Nachrichten von Microsofts Hotmail und den Web-Mail-Accounts der Anbieter Lycos und Yahoo ab.

Einige Anbieter kostenloser E-Mail-Adressen sehen keine Möglichkeit vor, Nachrichten über ein herkömmliches E-Mail-Programm abzurufen, oder verlangen dafür eine Gebühr. Ihre Benutzer müssen sich über ein Web-Interface einloggen, um Mails zu lesen oder zu schreiben. Solche Web-Mail-Accounts sind praktisch, wenn man das Konto von vielen verschiedenen Orten und Rechnern aus abrufen möchte. Am heimischen PC überwiegen aber meist die Vorteile, wenn man seine Post herunterlädt und auf dem eigenen Rechner bearbeitet.

Mailen unter Druck

Beim Mailen via Web-Interface sorgt ein zeitbasierter Internet-Tarif für Zeitdruck oder eine hohe Rechnung, da der Benutzer dauerhaft eingeloggt bleibt. Zudem ist er abhängig von der Bedienoberfläche, die sein Provider bietet -- auf seinen bevorzugten Mail-Client sowie dessen Features und Erweiterungen muss er verzichten. Dazu kommen der Geschwindigkeitsvorteil beim Arbeiten auf der eigenen Festplatte und nicht zuletzt die Vertrauensfrage; die private Post dauerhaft nur in den eigenen vier Gehäusewänden zu lagern, sorgt wenigstens für etwas mehr Privatsphäre.

Ein Mail-Programm benötigt beim Anbieter einen speziellen Server, der seine Anfragen beantwortet. Zu diesem Zweck gibt es das Internet-Protokoll POP3 ("Post Office Protocol", Version 3). Als Mittelweg existiert darüber hinaus der IMAP-Standard ("Internet Message Access Protocol"); hier belässt der Mail-Client Nachrichten üblicherweise auf dem Mail-Server, behandelt sie aber, als lägen sie lokal vor.

Für die E-Mail-Dienste von Lycos [1] und Yahoo [2] sowie Microsofts Hotmail [3] ersetzt eine Thunderbird-Erweiterung den POP-Server: Das Web-Mail-Modul [4] loggt sich automatisch in der Web-Oberfläche des Anbieters ein und simuliert einen POP-Zugang. Im Falle von Lycos erspart diese Methode einen echten POP-Account für 2,90 Euro im Monat. Yahoo verlangt von deutschen Nutzern bislang nur das Einverständnis zum Empfang von Werbung. In den USA kostet dieser Service allerdings 20 US-Dollar im Jahr; dass auch Yahoo Deutschland künftig Geld für einen POP-Account berechnet, ist nicht auszuschließen. Microsoft verweigert sich dem POP-Standard mit Hotmail sogar vollständig.

Web-Mail einrichten

Installieren Sie die Web-Mail-Erweiterung von der Heft-CD, auf der Sie auch die Anleitung finden. Sie benötigen das Web-Mail-Modul selbst sowie ein weiteres speziell für Ihren Anbieter.

Starten Sie Thunderbird neu und öffnen Sie über das Menü den Dialog Extras / Erweiterungen. Dort sehen Sie jetzt die installierten Extensions (Abbildung 1). Markieren Sie per Mausklick den Eintrag Web Mail 0.3.3 und öffnen Sie über den Button Einstellungen den Konfigurationsdialog.

Abb. 1: Über den Erweiterungen-Dialog installieren und konfigurieren Sie das Web-Mail-Modul.

Die Web-Mail-Erweiterung stellt auf Ihrem Rechner einen eigenen kleinen Mail-Server bereit, über den Thunderbird mit dem Anbieter kommuniziert. Das geschieht in der Voreinstellung über den Netzwerk-Port 110 -- diesen verwendet das POP-Protokoll standardmäßig. Unter Linux untersagt das System normalen Benutzern aber den Zugriff auf diesen Port. Sie sehen deshalb im Konfigurationsdialog unter Server-Status die Anzeige Fehler (Abbildung 2).

Abb. 2: In den Web-Mail-Einstellungen konfigurieren Sie den Web-Mail-Server.

Geben Sie deshalb im Feld Port des Reiters Server eine Zahl über 1024 ein, beispielsweise 1025 wie in Abbildung 3. Diese Änderung wird jedoch erst nach einem erneuten Thunderbird-Neustart wirksam.

Abb. 3: Eine hohe Port-Nummer stellt die Web-Mail-Funktionalität sicher.

Nach diesen Vorarbeiten richten Sie ein neues Thunderbird-Konto ein. Dazu starten Sie über Datei / Neu / Konto... den Konten-Assistent. Wählen Sie E-Mail-Konto und klicken Sie auf Weiter. Im nächsten Feld tragen Sie Ihren Namen und die E-Mail-Adresse ein.

Nach erneutem Klick auf Weiter wählen Sie im Fenster Server-Information den Eintrag POP. Im Feld Posteingang-Server geben Sie localhost ein (Abbildung 4). Das weist Thunderbird an, eingehende Mails vom eigenen Rechner abzuholen, da hier der beschriebene Web-Mail-eigene POP-Server läuft. Thunderbird kommuniziert ausschließlich mit ihm statt mit dem realen Mail-Server des Anbieters.

Abb. 4: Die Kommunikation mit dem Mail-Server übernimmt die Web-Mail-Erweiterung auf dem eigenen Rechner "localhost".

Im nächsten Dialog tragen Sie den Benutzernamen ein. Hier geben Sie die vollständige E-Mail-Adresse und nicht nur den vom Anbieter übermittelten User-Namen an. Dadurch erfährt die Web-Mail-Erweiterung zugleich den zu verwendenden Benutzernamen und mit welchem Provider es eine Verbindung aufbauen soll. Es folgt die Kontenbezeichnung, die zur Wiedererkennung dient, sie kann beispielsweise der eingerichteten E-Mail-Adresse entsprechen. In der abschließenden Zusammenfassung prüfen Sie die getroffenen Angaben und klicken auf Fertigstellen, wenn alles Ihren Wünschen entspricht.

Im sicheren Hafen

Eine letzte Hürde gilt es zu nehmen, bevor Sie auf Ihr Web-Mail-Konto zugreifen können: Der Konto-Assistent geht bei POP-Accounts stillschweigend von der Standard-Port-Nummer 110 aus. Sie haben diese jedoch in der Konfiguration der Web-Mail-Erweiterung geändert. Auf dieselbe Port-Nummer, beispielsweise 1025, müssen Sie auch im E-Mail-Konto zugreifen.

Öffnen Sie dazu die Kontobearbeitung unter Bearbeiten / Konten(A)... und suchen Sie das Web-Mail-Konto heraus. Klicken Sie auf den zugehörigen Unterpunkt Server-Einstellungen. Dort geben Sie im Feld Port: die in der Web-Mail-Konfiguration eingestellte Nummer ein und schließen den Dialog mit OK. Damit ist Ihre Web-Mail-Adresse bereit zum Abruf via Thunderbird (Abbildung 5).

Ein regulärer POP-Account bietet aber weitere Vorteile. Der Web-Mail-Erweiterung fehlt bislang vor allem die Option, auch den E-Mail-Versand über einen dafür zuständigen SMTP-Server ("Simple Mail Transfer Protocol") direkt aus dem Mail-Programm zu erledigen. Des Weiteren besteht die Gefahr, dass die Anbieter ihre Netzprotokolle ändern. Dann funktioniert die Web-Mail-Erweiterung möglicherweise nicht mehr oder erst wieder, wenn eine angepasste Version vorliegt.

Abb. 5: Die Lycos-Begrüßungs-Mail in Thunderbird.

Es empfiehlt sich also trotzdem, bei der Wahl des E-Mail-Anbieters bereits auf die gewünschten Abrufmöglichkeiten zu achten. Aber wer bereits eine Adresse bei Lycos, Hotmail oder Yahoo hat und seine Mails weiterhin zumindest lesen möchte, macht mit der Web-Mail-Erweiterung in puncto Komfort einen Sprung nach vorne. (csc)

Infos
[1] Lycos Mail: http://mail.lycos.de
[2] Yahoo Mail: http://mail.yahoo.de
[3] Hotmail: http://www.hotmail.com
[4] Web-Mail-Erweiterung für Thunderbird: http://webmail.mozdev.org

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