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Erschienen in EasyLinux 07/2005   »   Ausgabe bestellen

Biographie eines Betriebssystems

Linux und seine Wurzeln

von Elisabeth Bauer


Dass Linus Torvalds ein freies Betriebssystem entwickelt hat, das inzwischen zum ernsthaften Konkurrenten kommerzieller Systeme geworden ist, gehört fast schon zum Allgemeinwissen. Doch wie lief die Geschichte genau? EasyLinux wirft einen Blick in die Vergangenheit von Linux.

Beinahe hätte es ja Freax geheißen. Dank Ari Lemke, einem Assistenten an der technischen Universität Helsinki, wurde aber doch Linux daraus. Er lud am 17. September 1991 die Version 0.01 des Betriebssystems auf den FTP-Server der Universität hoch und setzte gegenüber dem Programmierer Linus Torvalds den Arbeitstitel Linux durch. Der Schöpfer selbst zierte sich ein wenig, da ihm Linux als Name zu egozentrisch erschien.

In einer kleinen Schrift ausgedruckt, passte damals der Programm-Code von Linux auf weniger als 100 Seiten. Besonders eindrucksvoll sah das System nicht aus: Es besaß eine Shell, die auch heute noch übliche Bash, in der man Befehle eingeben konnte, und den Compiler GCC, der Quelltext in ausführbare Programme übersetzt. Viel konnte man mit dem System damals noch nicht anstellen, und nicht einmal sein Schöpfer dachte auch nur an die Möglichkeit einer grafischen Benutzeroberfläche.

Dabei wäre es auch fast geblieben, hätte Linus Torvalds nicht kurz darauf aus Versehen die Partition mit seinem Arbeitssystem Minix gelöscht und sich entschlossen an Linux weiterzuarbeiten, statt Minix neu zu installieren. Bei Minix handelte es sich um ein Projekt des Informatikprofessors Andrew Tanenbaum, das als Lehrbeispiel für ein Betriebssystem diente und auf der damals gerade aufkommenden Intel-Plattform lief. Linus Torvalds (Abbildung 1), ein 21-jähriger Student der Informatik an der Universität Helsinki, hatte Minix für seinen ersten PC gekauft, weil es den an der Universität eingesetzten Unix-Systemen ähnlich und für den Geldbeutel eines Studenten gerade noch erschwinglich war.

Doch schnell stieß er auf Schwächen des Systems: So gefiel ihm der Terminal-Emulator nicht -- ein Programm, mit dem man per Modem Befehle an einen fremden Rechner schickt. Torvalds beschloss, einen eigenen zu programmieren; und damit das Projekt spannender wurde, sollte es ohne Minix direkt mit der Hardware kommunizieren. Mit dem fertigen Programm loggte er sich in den Uni-Computer ein, las E-Mails und verfolgte Diskussionen im Usenet. Dateien auf die Festplatte speichern konnte das Programm jedoch nicht -- das war die nächste Funktion, die hinzukam. Dazu musste ein Festplattentreiber her, der mit der Festplatte kommunizierte, und ein Dateisystemtreiber, der die einzelnen Dateien verwaltete. Langsam verwandelte sich der einfache Terminal-Emulator in ein vollwertiges Betriebssystem. Als endlich eine Shell und der Compiler liefen, entschloss sich Linus Torvalds, das Projekt zu veröffentlichen.

Die ersten Versionen von Linux erschienen als so genannte Postcard-Ware: Nutzer, die das System mochten, sollten dem Autor anstelle von Geld eine Postkarte schicken. Bei der Familie Torvalds füllte sich daraufhin der Briefkasten mit Post aus aller Herren Länder. Mit Version 0.12 des Betriebssystems entschied sich Torvalds, die GNU Public License, die freie Lizenz des GNU-Projekts [1], zu übernehmen: Diese erlaubt es jedermann, das Programm zu kopieren und zu verändern, unter der Bedingung, dass er seine Änderungen wieder der Allgemeinheit in Form des veröffentlichten Programm-Codes zugänglich macht.

Abb. 1: Der Finne Linus Torvalds schuf das freie Betriebssystem Linux.

"Linux is obsolete"

Die Technik-Freaks im Internet nahmen das neue Betriebssystem enthusiastisch auf, und nicht einmal Fehler trübten die Begeisterung. In seiner Autobiographie [2] berichtet Torvalds: "Ich erinnere mich an eine E-Mail, in der mir jemand schrieb, dass ihm mein neues Betriebssystem wirklich gefiel, und mindestens einen Absatz lang lobte, wie toll es war. Dann erklärte er mir, dass es gerade seine Festplatte aufgefressen hatte." Weniger begeistert zeigte sich Tanenbaum, der Minix-Autor, der im Usenet das Konzept von Linux als altmodisch verwarf. Unter dem Betreff "Linux is obsolete" (Linux ist überholt) [3] begann ein legendärer Flamewar zwischen dem Informatikprofessor und dem Studenten, der sein Betriebssystem gegen die Kritik verteidigte.

Was als Projekt eines Einzelnen begonnen hatte, weitete sich bald aus. Linux-Nutzer aus aller Welt schickten Torvalds ihre Erweiterungen und Verbesserungen. Nicht alles musste neu programmiert werden, oft machte auch jemand schon lange existierende Software Linux-kompatibel. Vom Hacker im stillen Kämmerlein entwickelte sich Torvalds dabei zum Manager eines weltweiten Projekts. Er entschied, welche Vorschläge er in den offiziellen Quell-Code aufnahm, ließ dabei aber in der Regel den freiwilligen Helfern viel Spielraum, sich selbst zu organisieren.

Im Frühjahr 1992 portierte Orest Zborowski das X Window System nach Linux. X war eine freie grafische Benutzeroberfläche, die mehrere Fenster auf dem Desktop verwalten konnte. Linus war davon so begeistert, dass er nicht die eigentlich geplante Version 0.13 veröffentlichte, sondern gleich den Sprung zur Version 0.95 wagte.

Bis zur 1.0, die ein voll funktions- und netzwerkfähiges Betriebssystem sein sollte, war es jedoch noch ein weiter Weg, wie sich bald herausstellte -- und zwischen 0.95 und 1.0 gab es nicht mehr viele Zahlen mit zwei Nachkommastellen. Linus führte so genannte Patchlevel ein, die zusätzlich alphabetisch sortiert wurden, etwa Version 0.99, Patchlevel 15 A. Insgesamt ließen sich so erstaunlich viele Versionen zwischen 0.95 und der 1.0 unterbringen, die er erst zwei Jahre später, am 14. März 1994, im Hörsaal der Universität Helsinki freigab.

Distributionen

Linux zu installieren, gestaltete sich in den Anfangszeiten mühsam, denn das ganze Betriebssystem und die zugehörige Software musste der Benutzer erst aus den Programmquellen übersetzen. Bald entstanden daher erste Distributionen -- vorkompilierte Zusammenstellungen des Linux-Kernels und der wichtigsten Programme. Die Namen sind heute vergessen, lediglich einer der Oldtimer, die Distribution Slackware, wird noch aktiv weiterentwickelt. Genervt von den Fehlern und dem schlechten Support der damals meistverbreiteten Distribution SLS gründete der Amerikaner Ian Murdock 1993 das Debian-Projekt und übertrug das Entwicklungsmodell von Linux auf den Prozess der Distributionserstellung: Bei Debian kümmern sich nicht Einzelne, sondern eine weltweite Entwicklergemeinschaft um die Zusammenstellung der Distribution -- und stellen das Ergebnis der Allgemeinheit frei zu Verfügung.

Vom Pinguin gebissen

Ein Projekt wie Linux brauchte ein Symbol, darüber war sich die Linux-Gemeinde einig. Wer nun wirklich den Vorschlag eines Pinguins machte -- ob Torvalds Ehefrau Tove, wie sie behauptet, oder er selbst, ist unklar, unstrittig aber ist der Hintergrund: Seit dem Tag, an dem er in einem australischen Zoo von einem Pinguin gebissen wurde, war Torvalds Pinguin-Fan. In einem Usenet-Posting rief er im Mai 1996 zum Logo-Wettbewerb auf: Ein wenig übergewichtig, so als ob er gerade gut gespeist hätte und mit der Welt rundum zufrieden sei, so solle man sich den Pinguin vorstellen. Larry Ewing entschied mit dem heute zum Klassiker gewordenen Entwurf den Wettbewerb für sich. Einen Monat später erhielt das Tier, wieder übers Usenet, seinen Namen: Tux.

Eine Schrecksekunde erlebte Linus Torvalds, als er 1995 feststellte, dass ein Bostoner Geschäftemacher Linux als Marke registriert hatte und die damals schon existierenden Linux-Firmen per E-Mail aufforderte, für die Namensnutzung zu bezahlen. Zahlreiche Firmen spendeten Geld für einen Prozess, und Linux International, eine Organisation zur Förderung von Linux, wurde damit beauftragt, die Markenrechte einzuklagen. Der Prozess endete mit einem Vergleich, in dem das Warenzeichen auf Linus Torvalds persönlich übertragen wurde. Heute ist das Linux Mark Institute (LMI) für die Vergabe von Lizenzen zuständig, das sie gegen eine einmalige Zahlung an jeden vergibt, der dies beantragt.

Ein weiterer Prozess sorgte 2003 für Schlagzeilen: Linux hatte zu diesem Zeitpunkt den Durchbruch geschafft, und immer mehr Firmen und Endanwender setzten das freie Betriebssystem ein. Das größte Engagement zeigte das Unternehmen IBM, das Millionen in die Entwicklung von Linux investierte. Die Firma SCO, die die Rechte an Unix gekauft hatte, verklagte IBM mit der Behauptung, dass IBM Unix-Quellcode in Linux eingeschleust habe. Von der Linux-Community gespannt verfolgt, tauchten im Verlauf des Prozesses, den SCO noch mit weiteren Klagen u.a. gegen Novell und Daimler Chrysler ausweitete, immer neue pikante Details wie Investitionen von Microsoft in die an SCO beteiligte Firma Baystar auf.

Praktisch unbeeinflusst von den rechtlichen Querelen schritt die Entwicklung von Linux in großen Schritten voran. Im Dezember 2003 erschien Kernel 2.6 mit fast sechs Millionen Zeilen Code. Aus dem Spaßprojekt eines Studenten war ein ernsthaftes Betriebssystem geworden, das Millionen Nutzer rund um die Welt verwenden. (amü)

Infos
[1] Elisabeth Bauer: GPL & Co., EasyLinux 05/2005, S. 57 ff.
[2] Linus Torvalds: Just for Fun, dtv 2002
[3] Torvalds-Tanenbaum-Kontroverse http://groups-beta.google.com/group/comp.os.minix/browse_thread/thread/c25870d7a41696d2/f447530d082cd95d

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