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von Andrea Müller
"Raider heißt jetzt Twix" -- das kommt einem am ehesten in den Sinn, wenn man im Netz nach Informationen zum neuen Mandrake Linux sucht. Die Seite http://www.mandrake.com leitet Neugierige automatisch auf http://www.mandriva.com/ um. Die Firma Mandrakesoft, der Hersteller von Mandrake Linux, hat nach der Fusion mit dem brasilianischen Distributor Conectiva ihren Namen in Mandriva geändert. Dabei spielte nicht nur der Zusammenschluss mit Conectiva eine Rolle: Namensstreitigkeiten verbieten es der französischen Firma, den Namen Mandrake weiter zu benutzen.
Mit dem neuen Firmennamen ändert sich daher auch der des Produkts: Künftige Versionen der Distribution werden Mandriva Linux heißen. Die inzwischen erhältliche neue Version, die Sie unter anderem als EasyLinux Starter Kit erhalten, hat von den Umbenennungswirren noch nicht allzu viel mitbekommen: Während der Installation meldet sich das System als "Limited Edition 2005". Im laufenden Betrieb stolpert man jedoch immer wieder über den Namen Mandrake Linux 10.2, beispielsweise in den Modulen des Kontrollzentrums. Aus Gründen der Konsistenz bezeichnen wir das System daher bis auf weiteres ebenfalls als Mandrake Linux 10.2.
Der nur halbherzig umgesetzte Namenswechsel wirft die Frage auf, ob nicht auch andere Dinge in der neuen Version mit heißer Nadel gestrickt sind -- beste Voraussetzungen für einen Testlauf in der EasyLinux-Redaktion. Wir installierten die Distribution auf zwei Testrechnern: Bei dem ersten handelt es sich um ein älteres Modell mit 128 MByte RAM, einem Pentium II und der Grafikkarte ATI Rage 128. Das aktuelle Testsystem ist mit einem Pentium IV, 1024 MByte RAM und einer Nvidia-GeForce-5700-Grafikkarte bestückt. Auf dem MSI-Mainboard werkelt ein S-ATA-Controller, an dem die Festplatte hängt.
Abgesehen vom neuen Installationsbildschirm (Abbildung 1) zeigen sich kaum Unterschiede zu älteren Mandrake-Linux-Versionen. Nicht mehr vorhanden ist die Option, das System per Boot-Parameter mit einem Kernel der 2.4er-Reihe zu installieren. Inzwischen sind die Unterschiede zu groß, und es würde zu viel Aufwand bedeuten, das System auf den Betrieb mit beiden Kerneln vorzubereiten. Die Option des Cross Updates einer vorhandenen Fedora-Core-Installation besteht noch immer und funktioniert ebenso wenig wie in unserem letzten Test [1]: Der Mandrake-Installer blieb beim Analysieren der installierten Pakete reproduzierbar hängen.
Von diesem Schönheitsfehler abgesehen, geht die Installation gewohnt routiniert vonstatten. Mandrake Linux benutzt anders als Suse und Fedora Core Linux immer noch standardmäßig die westeuropäische Zeichensatzkodierung ISO-8859-15 [2]. Das hat den Vorteil, dass Sie auch in älteren, noch nicht Unicode-fähigen Programmen keine verstümmelten Zeichen, sondern deutsche Umlaute sehen. Nur wenn Sie sich dafür entscheiden, auch Sprachen zu installieren, deren Zeichen sich nicht im ISO-8859-15-Zeichensatz befinden, schaltet Mandrake Linux automatisch auf UTF-8 als Systemzeichensatz um (Abbildung 2).
Als Sicherheitsebene benutzt Mandrake Linux inzwischen den Wert Hoch. Wer ein reines Desktop-System verwendet, auf dem sich noch eine Windows-Partition befindet, sollte den Wert auf Standard ändern. In der Voreinstellung hat nämlich nur der Administrator schreibenden Zugriff auf eventuell vorhandene FAT-Partitionen. Mandrake Linux zeigt sogar einen entsprechenden Warnhinweis an (Abbildung 3). Weshalb diese Option bei einem im Desktop-Bereich verbreiteten Linux überhaupt gesetzt ist, bleibt ein Geheimnis des Distributors.
Der Partitionierungsassistent arbeitet vorbildlich und verkleinert sowohl NTFS- als auch FAT-Partitionen fehlerfrei. Da die Größenänderung einer Partition jedoch immer die Gefahr des Datenverlusts mit sich bringt, ist ein Backup der persönlichen Daten trotzdem Pflicht. Fein raus sind Anwender, die über freien unpartitionierten Plattenplatz verfügen: Findet Mandrake Linux einen freien Bereich, bietet es an, diesen zu verwenden, und rührt eventuell vorhandene Windows-Partitionen nicht an.
Eine neue Option besteht darin, genügend freien Plattenplatz vorausgesetzt, den Inhalt des Installationsmediums auf die Festplatte zu kopieren (Abbildung 4). Das erweist sich besonders für Mandrake-Club-Mitglieder als praktisch, die Mandrake Linux von CDs einspielen. Beim Nachinstallieren von Software entfällt dann das lästige Wechseln der Datenträger, und RPMDrake spielt die ausgewählten Programme direkt von der Festplatte ein. Allerdings dauert die Installation dann ein wenig länger, da das Programm erst alle Pakete kopiert und danach mit der Programmauswahl fortfährt.
Die Software-Auswahl können reine Desktop-Anwender ohne Zögern übernehmen, denn Mandrake Linux ist in der Standardkonfiguration nicht mehr so geizig wie bis Version 10.0. Nahezu alle Programme, die ein Privatanwender braucht, landen schon bei der Installation des Systems auf der Festplatte: insgesamt 1,7 GByte.
Nach dem Festlegen des Administrator-Passworts und dem Anlegen der Benutzer lauert im Bildschirm Zusammenfassung eine Stolperfalle: Mandrake Linux erkannte die Hardware der beiden Testsysteme nahezu vollständig und richtete sogar einen Netzwerkdrucker ohne weiteres Zutun korrekt ein; bei der Grafikumgebung patzte das System jedoch zweimal. Steht im Übersichtsbildschirm hinter diesem Eintrag Nicht eingerichtet, gilt es über Konfigurieren den Assistenten zu starten und selbst eine passende Auflösung auszuwählen. Wer das versäumt, findet sich mit ein wenig Pech nach dem ersten Start des Systems auf einer Textkonsole wieder. Sind Sie bereits in diese Falle getappt ist, können Sie das Problem auch nachträglich lösen: Melden Sie sich dazu im Textmodus mit dem Benutzernamen root und dem Administratorpasswort an und starten Sie über das Kommando drakconf das Kontrollzentrum im Textmodus. Über den Eintrag Display richten Sie dann die grafische Oberfläche ein. Damit Linux sie automatisch startet, aktivieren Sie zusätzlich Optionen und drücken bei der folgenden Nachfrage, ob die grafische Oberfläche automatisch starten soll, die Eingabetaste.
Große Änderungen am System gibt es nicht, allein die aktuelleren Versionen der gängigen Software stechen ins Auge. In der Vorversion kamen nur Mandrake-Club-Mitglieder und Käufer des Box-Produkts in den Genuss von KDE 3.3. Inzwischen die dieser Version des Desktops die Standardarbeitsumgebung. Verbesserungen finden sich vor allem in den Applikationen zur Informationsverwaltung wie dem PIM (Personal Information Manager) Kontact (Abbildung 5). Inzwischen installiert Mandrake Linux fast alle KDE-Pakete, so dass Anwendungen wie das Brennprogramm K3b und das Kamera-Tool Digikam [3] direkt nach der Installation zur Verfügung stehen.
Das Büropaket OpenOffice liegt in der aktuellen Version 1.1.4 bei, auf die Zugabe der Betaversion hat Mandrake Linux im Gegensatz zu Suse Linux verzichtet. Der schlanke Browser Firefox landet in Version 1.0.2 auf der Festplatte. Anders als Suse Linux installiert die französische Distribution automatisch das deutsche Sprachpaket, sofern Deutsch die Standardsprache ist. So müssen Sie sich nicht über englischsprachige Menüs wundern.
Die Software-Auswahl ist auch in anderen Bereichen großzügig: Mit Dia und Kivio, die sich im Menü unter Büroprogramme / Vektorgrafik verstecken, hält Mandrake Linux gleich zwei Vektorzeichenprogramme bereit. Scribus in Version 1.2.1 hilft beim Erstellen von Flyern oder Zeitschriften, mit Audacity [4] wird der heimische PC zum Tonstudio. Für den anschließenden Hörgenuss haben audiophile Anwender die Wahl zwischen AmaroK und Rhythmbox. Das letztgenannte Programm verwaltet Musikdateien wie eine Jukebox und kommt auch mit CDs und Radio-Streams aus dem Internet zurecht (Abbildung 6).
Das Kontrollzentrum kommt nach wie vor übersichtlich nach Kategorien sortiert daher und bietet Zugriff auf die wichtigsten Systemverwaltungsaufgaben. Etwas verwirrend präsentiert sich die Netzwerkkonfiguration, die gleich aus drei Modulen besteht: Je nachdem, ob man eine Schnittstelle einrichten, nachträglich konfigurieren oder entfernen will, muss man das dazu passende Modul starten (Abbildung 7). Hier wäre es übersichtlicher, alle Netzwerk-relevanten Aufgaben unter einer Oberfläche zusammenzufassen.
ISDN-Benutzer, die eine aktuelle AVM-Karte einsetzen, erleben mit Mandrake Linux 10.2 eine Enttäuschung. Der Einrichtungsassistent für ISDN-Verbindungen hatte schon immer kleine Fehler, doch mangels passender Pakete lässt sich in der aktuellen Version zurzeit keine Internet-Verbindung über ISDN einrichten. Beim Konfigurieren des Modems oder eines DSL-Zugangs treten dagegen keinerlei Probleme auf. Das gilt jedoch nur, sofern man die passenden Einwahldaten zur Hand hat. Wer sich über einen Call-by-Call-Anbieter einwählen möchte, findet in der deutschen Provider-Lister der Distribution weniger als zehn Anbieter. Bei den aufgeführten handelt es sich nicht etwa um Branchengrößen wie T-Online oder Arcor: Mandrake Linux führt dort nur eher unbedeutende regionale Anbieter.
Besonders benutzerfreundlich gibt sich Mandrake Linux beim Anschluss von Plug & Play-Geräten: Das Programm magicdev überwacht Wechsellaufwerke und USB-Schnittstellen und stellt die Hardware automatisch bereit. USB-Massenspeichergeräte hängt das System ins Verzeichnis /mnt/removeable ein und gibt dem Benutzer Schreib- und Leserechte, sofern die Partitionen des Geräts mit dem FAT-Dateisystem formatiert sind. Anders als beim Anschluss eines externen Brenners tauchte in unserem Test für USB-Sticks jedoch nur sporadisch ein Desktop-Icon auf.
Die Reaktion auf den Anschluss einer über gphoto2 ansprechbaren Kamera ist vorbildlich: Mandrake Linux erkennt, dass es sich um eine Digitalkamera handelt und bietet an, die Fotos auf die Festplatte zu übertragen (Abbildung 8). Klicken Sie in dieser Dialogbox auf Importieren, öffnet sich ein Konqueror-Fenster, in dem Sie in das Foto-Verzeichnis wechseln und die Bilder in einen Ordner Ihrer Wahl kopieren können.
Ähnlich komfortabel gestaltet sich der Zugriff auf Web Cams. Ein Beispiel dafür ist das Modell in unserem Test ab Seite 70. Findet das System einen passenden Treiber für das Gerät, erscheint ein Icon für das Videokonferenzprogramm gnomemeeting auf dem Desktop. Es bietet nicht nur die Option Videokonferenzen abzuhalten, sondern zusätzlich die Funktion, Standbilder zu erzeugen.
Auch beim Einlegen einer Audio-CD entfällt die Pflicht zur Benutzerinteraktion. magicdev kennt den Unterschied zwischen Daten- und Audio-CDs und startet automatisch den Player KsCD, der die Musikstücke abspielt. Genauso dienstbeflissen reagiert Mandrake Linux auf das Einlegen eines CD- oder DVD-Rohlings: Die Distribution startet das Brennprogramm K3b, mit dem Sie bequem die zu brennenden Dateien zusammenstellen.
Unter der Haube hat sich bei Mandrake Linux 10.2 im Gegensatz zur Vorversion kaum etwas getan. Schon die Versionsnummer weist darauf hin, dass es sich um eine Zwischen-Release handelt, deren Änderungen hauptsächlich bei den aktualisierten Paketen liegen. Die Software, die zum Umfang einer Standardinstallation gehört, hat Mandriva sinnvoll zusammengestellt. Besonders gelungen ist die automatische Auswahl der richtigen Sprachpakete.
Auch die Hardware-Erkennung lässt sich nicht lumpen und nimmt Linux-Einsteigern viel Arbeit ab. Dass nach dem Einstecken eines Plug & Play-Geräts an den USB-Anschluss gleich ein passendes Icon erscheint oder Programm startet, sorgt für Desktop-Komfort wie unter Windows.
Das Update lohnt sich für alle, die ohne viel Aufwand in den Genuss aktueller Software kommen wollen. Ein K.O.-Kriterium stellt jedoch die fehlende ISDN-Unterstützung für die Benutzer dar, die sich über einen solchen Anschluss ins Internet einwählen. (amü)
| Infos |
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[1] Mandrake Linux 10.1 im Test: Andrea Müller, "Aufpoliert", EasyLinux 11/2004 , S.56 f.
[2] Artikel über Zeichensatzkodierungen unter Linux: Andrea Müller, "Babel der Neuzeit", EasyLinux 08/2004, S. 46 f., http://www.easylinux.de/2004/08/046-basics/ [3] Digikam-Artikel: Andrea Müller, "Mehr als eine Festplatte", EasyLinux 06/2005, S. 26 ff. [4] Audacity-Artikel: Oliver Frommel, "Mut zum Schnitt", EasyLinux 06/2005, S. 41 ff., http://www.easylinux.de/2005/06/041-audacity |
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Last modified: 2007-04-05 11:15
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