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von Carsten Schnober
Das freie Betriebssystem Linux kostet im Laden meist über 80 Euro. Wer die Prinzipien freier Software kennt, bei dem regt sich zumindest ein gewisser innerer Widerspruch, wenn er solche Summen über die Ladentheke schiebt. Doch die Kunden bezahlen nicht für die Software selbst, sondern für das vom Distributor geschnürte Gesamtpaket, inklusive Medien, Verpackung und meist auch für ein dickes Handbuch.
Distributionshersteller wie Red Hat oder Suse-Produzent Novell verdienen Geld nicht mit dem Verkauf der enthaltenen Software, sondern indem sie aus dem offenliegenden Programm-Code ein funktionierendes Gesamtsystem schnüren. Sie kompilieren die Programme, stellen Pakete zusammen, dokumentieren das Ganze und leisten Support. Dass Firmen Geld verdienen müssen, entspricht den Regeln unseres Wirtschaftssystems; trotzdem gibt es Alternativen, die das Prinzip der freien Software-Entwicklung auch auf deren Verbreitung -- Distribution -- anwenden.
Schon seit 1993 existiert mit Debian [1] der am weitesten verbreitete Vertreter der freien Linux-Distributionen. Zu seinem Namen kam das Projekt durch die Kombination aus dem Vornamen des Begründers Ian Murdock und dem seiner Frau Debra. Nach fast dreijähriger Entwicklung erschien im Juni die von vielen Benutzern langersehnte Version 3.1 mit dem Codenamen Debian Sarge.
Frei bedeutet im Kontext freier Software nicht nur kostenlos, sondern bezieht sich auch auf die offene Verfügbarkeit des Programmquelltextes und die Nutzungslizenz. Aus diesem Grund spielte besonders in der Anfangszeit des Projekts die unermüdliche Kämpferin für freie Software, die Free Software Foundation [2], eine bedeutende Rolle als Debian-Sponsor. Ab dem November 1994 war die Distribution für ein Jahr lang sogar fest mit der Stiftung für freie Software assoziiert.
Debian unterscheidet sich von anderen Distributionen unter anderem dadurch, dass hinter der Entwicklung keine Firma und somit kein wirtschaftliches Interesse steht. Stattdessen beteiligen sich fast 1000 Entwickler aus aller Welt freiwillig (Abbildung 2). Sie erledigen alle Aufgaben eines Distributors: Programmquelltexte kompilieren und paketieren, eine Installationsroutine programmieren und einbinden, Software vorkonfigurieren und Updates liefern sowie die Dokumentation. Ihre Motive gleichen dabei denen anderer freier Programmierer: Neugier, Interesse, Spaß, soziale Verantwortung.
Dass die freie Software im Mittelpunkt steht, manifestiert sich in einem Gesellschaftsvertrag, dessen erste Version das Debian-Team 1997 mit der freien Software-Gemeinde geschlossen hat und den jeder Debian-Helfer unterschreiben muss. Der Vertrag garantiert im ersten Punkt, dass Debian immer vollständig mit freier Software funktionieren wird.
Die weiteren Absätze legen fest, dass das Debian-Projekt selbstgeschriebene Programme ebenfalls unter eine freie Lizenz stellt, eventuelle Software-Fehler wird es stets veröffentlichen. Des Weiteren rückt der Gesellschaftsvertrag neben der freien Software die Anwender in den Mittelpunkt. Im fünften und letzten Punkt besagt der Vertrag, dass das Debian-Projekt Software, die nach den Debian-Richtlinien als unfrei gilt, durch seine Infrastruktur ebenfalls unterstützt, sofern der Hersteller dies zulässt. Sie wird allerdings kein fester oder gar notwendiger Bestandteil der Distribution werden.
Aus den strengen Regeln ergibt sich eine Folgefrage: Was ist freie Software? Da es dazu keine objektive Definition geben kann, hat Debian auch hierzu eigene, für das Projekt geltende Vorgaben erarbeitet. Als freie Software akzeptiert es Programme, deren Lizenz Weitergabe sowie Benutzung uneingeschränkt erlaubt, also auch die von Kopien, und deren Quelltext offen zugänglich ist und verändert werden darf. Ausschließen darf sie weder bestimmte Personengruppen noch Einsatzbereiche. Das am weitesten verbreitete Beispiel für eine freie Lizenz ist die GNU Public License (GPL) [3].
Die Debian-Organisation orientiert sich an demokratischen Prinzipien statt an einer festen Hierarchie. Jeweils für ein Jahr wählen die beteiligten Entwickler einen Projektleiter, einen technischen Ausschuss und einen Schriftführer. Für bestimmte Aspekte wie beispielsweise Prozessortypen oder die Sicherheits-Updates bilden sich Teams aus Spezialisten. Interessierte Neulinge müssen sich einer Art Bewerbungsritual unterziehen, bevor sie am Projekt teilnehmen können. Ein Debian-Entwickler muss dazu seine Identität bestätigen und sich für seine Aufnahme aussprechen; dieses Verfahren soll dafür sorgen, dass alle Projektmitglieder zuverlässig und vertrauenswürdig sind.
Weitere Unterschiede zwischen Debian und durch Firmen vertriebenen Distributionen folgen direkt oder indirekt aus der Konzentration auf freie Software. Kommerzielle Distributoren werben beispielsweise mit regelmäßigen und verlässlichen Release-Zyklen -- Debian dagegen brauchte fast drei Jahre, um nach Version 3.0 im Juni endlich Ausgabe 3.1 fertigzustellen. Der Grund für das lange Warten liegt in der kompromisslosen Gültigkeit der Qualitätsansprüche -- während Hersteller aus wirtschaftlichen Zwängen heraus neue Produkte zu einem bestimmten Termin auf den Markt werfen müssen, heißt das Motto bei Debian: "Es ist fertig, wenn es fertig ist!" Der Wunsch vieler Benutzer nach neuen Programmversionen muss dabei hinten anstehen.
Unter Server-Betreibern erfreut sich Debian trotzdem großer Beliebtheit: Hier kommt es anders als bei Desktop-Computern weniger auf aktuelle Versionen und deren neue Features an, sondern vielmehr auf Stabilität und Zuverlässigkeit. In der Vergangenheit schaffte es das Debian-Team stets, auf Sicherheitslücken mindestens ebenso schnell zu reagieren wie die professionelle Konkurrenz und Updates sofort bereitzustellen.
Ein weiterer Vorteil der Abwesenheit wirtschaftlicher Motivation liegt in der freien Wahl der Zielgruppe. Während es die meisten Linux-Varianten lediglich für die am weitesten verbreiteten Prozessortypen gibt, also herkömmliche PCs und manchmal noch für die in Apples Systemen verbauten Power-PCs, unterstützt Debian stolze elf Rechnerarchitekturen. Die verhältnismäßig wenigen und damit wirtschaftlich weniger interessanten Besitzer ausgefallener Systeme betrachten die kommerziellen Hersteller nicht als marktrelevant, für Debian ist dies jedoch bedeutungslos.
Debian entzieht sich also dem Konflikt, mit dem jede Firma zu kämpfen hat: einen Kompromiss zwischen Qualität und Wirtschaftlichkeit zu finden. Stattdessen steckt das freie Projekt in einer anderen Zwickmühle, wie sich insbesondere in der langen Wartezeit zwischen der aktuellen Version und dem Vorgänger verdeutlicht hat. Sie entwickelten und integrierten eine neue Installationsroutine, aktualisierten alle Pakete und wollten weiterhin garantieren, alle elf Rechnertypen zu unterstützen und auftretende Sicherheitslücken sofort zu schließen. Diese und andere Punkte verhinderten abwechselnd, dass das Debian-Team die neue Version veröffentlichen konnte, während eine Firma möglicherweise entweder die Zahl der Mitarbeiter erhöht oder niedrigere Ansprüche in Kauf genommen hätte.
Da Debian keine Mitarbeiter einstellen kann, geht es einen anderen Kompromiss ein. Der hohe Stabilitätsanspruch erfordert, dass neue Software eingehend und damit zeitintensiv geprüft wird. Deshalb enthält Debian 3.1 zahlreiche Programme, die schon beim Erscheinen im Juni nicht mehr dem aktuellen Stand entsprachen, beispielsweise KDE 3.3.2 oder Kernel-Version 2.6.8.
Der hohe Qualitätsanspruch bezieht sich nicht nur auf die Stabilität, also ein weitgehend absturzsicheres Betriebssystem und ebensolche Anwendungen bereitzustellen, sondern auch auf das Paketverwaltungssystem [4]. Debian verwendet an Stelle des von Suse und Mandrake Linux eingesetzten RPM ein eigenes Format. Das bietet einige technische Vorteile, vor allem legen die Entwickler aber höchsten Wert darauf, vollständig zu definieren, welche Programme voneinander abhängen.
Sowohl andere freie Projekte als auch Firmen nutzen die vom Debian-Projekt gelieferte Grundlage, um daraus neue Linux-Distributionen, so genannte Debian-Derivate zu schaffen. Namhafte Betriebssysteme sind so entstanden, darunter Knoppix, Kanotix, Ubuntu, Xandros oder Libranet.
Sie bauen auf der von Debian gelieferten Qualität in puncto Stabilität und Paketverwaltung auf und versuchen, die verbleibenden Lücken mit dem Fokus auf ihre jeweilige Zielgruppe zu schließen -- meistens Desktop-Anwender. So verzichten die meisten Derivate beispielsweise darauf, die weniger gebräuchlichen Prozessortypen zu unterstützen, und übernehmen lediglich den PC-Teil. Zusätzlich entwerfen sie eine verbesserte Hardware-Erkennung, liefern aktuelle Programmversionen mit, oder entwickeln andere Zusatzwerkzeuge, die die Konfiguration vereinfachen.
Durch die Spezialisierung auf eine bestimmte Zielgruppe und das Aufweichen der strengen Debian-Prinzipien erreichen die Derivate oft eine benutzerfreundlichere Installation. Häufig, wie im Falle von Xandros und Ubuntu, stecken außerdem wiederum Firmen dahinter. Diese lassen von bezahlten Programmierern die von ihnen als wichtig angesehen Funktionen nachrüsten. Sie haben die Wahl, ebenfalls eine freie Distribution herauszugeben und Umsätze nur durch kostenpflichtigen Support zu erzielen, oder wie bei Xandros, kommerzielle Zusatzprogramme beizulegen, die nicht unter einer freien Lizenz stehen.
Auf diese Weise erreichen auf Debian basierende Distributionen hohe Stabilität und zugleich Benutzerfreundlichkeit. Im Falle von Ubuntu heißt es auf der Homepage beispielsweise "Debian is the rock upon which Ubuntu is built" -- Debian ist der Fels, auf dem Ubuntu gebaut wurde. Und auch Debian profitiert von derartigen Derivaten, denn solange darauf aufbauende Firmen enthaltene Open-Source-Programme weiterentwickeln, kann Debian deren Ergebnisse wiederum übernehmen. Zwar funktioniert dieser Prozess im Fall von Ubuntu derzeit nicht reibungslos, das hat jedoch nur organisatorische Gründe.
Eine freie Distribution definiert sich also darüber, dass die enthaltene Software vollständig unter einer freien Lizenz steht. Dieses Kriterium erfüllen allerdings auch von Firmen produzierte Linux-Varianten wie das erwähnte Debian-Derivat von Ubuntu oder Fedora Core von Red Hat.
Im Unterschied zu Debian fällt hier jedoch nicht die Gesamtheit der Entwickler beziehungsweise von ihnen gewählte Vertreter die wichtigsten Entscheidungen, sondern die dahintersteckenden Firma. Sie entscheidet sich für eine solche Produktionsform, um viele Benutzer zu gewinnen, die daraufhin möglicherweise den kostenpflichtigen Support in Anspruch nehmen. Zudem bildet sich dadurch häufig eine Community, die hilft, das Gesamtergebnis zu verbessern.
Das Debian-Projekt sieht sich nicht nur Linux, sondern freier Software im Allgemeinen verpflichtet. Deshalb heißt die Distribution mit vollem Namen Debian GNU/Linux. Das GNU-Projekt (die auf sich selbst verweisende Abkürzung steht für GNU is Not Unix) wurde 1984, also lange vor Linux, gegründet und setzte sich bereits damals zum Ziel, ein freies Unix-artiges Betriebssystem zu schaffen. Es entwickelte zahlreiche zu diesem Zweck unverzichtbare Werkzeuge wie den freien C-Compiler; der Betriebssystem-Kernel von Linux kam seinerzeit als Quereinsteiger hinzu und ermöglichte erstmals den praktischen Einsatz eines vollständig freien Betriebssystems.
Ursprünglich wollte das GNU-Projekt einen eigenen Betriebssystem-Kernel namens Hurd [5] entwickeln. Da Hurd wie Linux gängige Standards Unix-artiger Systeme einhält, lassen sich Linux-Anwendungen mit geringem Aufwand auch für diesen Kernel anpassen. Die Arbeit daran setzen die Programmierer noch heute fort, da Hurd ihrer Meinung nach einige konzeptionelle Vorteile gegenüber Linux bietet wie die Möglichkeit, es flexibel für bestimmte Einsatzzwecke oder Prozessortypen anzupassen.
Auch das Debian-Projekt unterstützt Hurd und sieht Debian GNU/Linux lediglich als die auf dem Linux-Kernel basierende -- und derzeit einige -- Variante der freien Distribution. Die Alternative Debian GNU/Hurd existiert bislang nur als praxisuntaugliche Vorabversion, da sich der Hurd-Kernel noch immer in einer frühen Entwicklungsphase befindet.
Debian genießt den Ruf, die quasi-offizielle Linux-Distribution der Freunde freier Software zu sein. Die teilweise bürokratische Organisation birgt jedoch Nachteile -- vor allem die mangelnde Aktualität macht sie für Einsteiger und reine Desktop-Anwender unattraktiv. Diese sind meist besser mit einem der Derivate bedient.
Debian schafft eine breite Basis für viele Einsatzbereiche und wird deshalb nicht nur von den auf den Desktop ausgerichteten Sprösslingen und auf Servern verwendet, sondern häufig auch in der Industrie als Embedded-Betriebssystem. Die strengen Prinzipien des Projekts erscheinen Anwendern oft als ineffizient und hinderlich, haben aber für große Fortschritte in der Entwicklung von Linux und freier Software gesorgt -- gerade auch abseits des Massenmarkts. (csc)
| Infos |
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[1] Debian: http://www.debian.org
[2] Free Software Foundation: http://www.gnu.org [3] Freie Lizenzen: Elisabeth Bauer, EasyLinux 05/2005, S. 57 ff. [4] Paketverwaltung: Carsten Schnober, "Einpacken und mitnehmen", EasyLinux 08/2005, S. 55 ff. [5] Hurd: http://www.gnu.org/software/hurd/hurd.html |
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Last modified: 2007-04-05 11:10
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