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von Martin Loschwitz und Marcel Hilzinger
Die größte Angst von Windows-Benutzern vor dem Umstieg auf Linux ist die vermeintlich lange Umgewöhnungsphase. Linux lässt sich zwar an vielen Stellen an Windows anpassen, richtiges Windows-Gefühl kommt jedoch meistens nicht auf. Um dieses Problem zu lösen, schuf Michael Robertson vor einigen Jahren Lindows, das heute Linspire heißt. Zum Namenswechsel kam es auf Grund von Streitigkeiten mit Microsoft. Linspire will den Einstieg in Linux und besonders den Umstieg auf Linux einfach und komfortabel gestalten.
Die blaue Kartonschachtel von Linspire wirbt mit dem Slogan "Das super einfache Desktop Linux". Sie ist etwa halb so groß wie eine Suse-Box, wiegt aber kaum etwas. Als Inhalt finden Sie eine blaue und eine grüne CD sowie ein 20 Seiten langes Handbüchlein. Hinzu kommt ein Gutschein für Marble Blast Gold -- ein Spiel, das vor allem MacOS-Benutzern bekannt sein dürfte, da es dort zur Standard-Ausstattung gehört.
Die blaue CD enthält das Grundsystem, die grüne CD Zusatzprogramme. Der Distributor bietet an dieser Stelle bewusst eine äußerst reduzierte Programmauswahl an, um den Benutzer nicht mit der Vielfalt und Komplexität freier Software zu irritieren. Die Devise bei Linspire lautet hier "Ein Programm für eine Aufgabe". Alle wichtigen Programme, wie Office, E-Mail, Bildbearbeitung, Multimedia und Spiele sind im Paket allerdings enthalten.
Das Handbuch ist kein solches im eigentlichen Sinne; viel eher ist es eine Kurzanleitung für den Benutzer, damit er die wichtigsten Systemfunktionen schneller erreichen kann. Mit zahlreichen Bildern beschreibt es, wie Sie durch die Installation kommen und die wichtigsten Eigenschaften des Desktops verändern. Außerdem erklärt das Heft detailliert die Netzwerkkonfiguration, sollte die automatische Konfiguration nicht wie gewünscht funktionieren.
Nach dem Einlegen der blauen Linspire-CD wählen Sie zwischen zwei Betriebsarten: Entweder starten Sie Linspire als Live-System direkt von der CD, oder Sie wählen die eigentliche Installation. Hier müssen Sie nach dem anfänglichen Willkommensbildschirm zunächst festlegen, auf welche Festplatte sich Linspire installieren soll. Dieser Punkt erwies sich im Test als problematisch, falls Sie keine ganze Festplatte für Linspire zur Verfügung haben. Möchten Sie die Distribution neben ein bestehendes Windows installieren, landen Sie in einem kaum brauchbaren Tool zur Festplattenkonfiguration, das lediglich die Auswahl des Dateisystems (ReiserFS oder Reiser4) erlaubt. Ein benutzerfreundlicher Partitionierer, wie ihn zum Beispiel Suse Linux anbietet, täte hier sehr gut.
Nach der Festplattenkonfiguration vergeben Sie den Namen des PCs im Netzwerk sowie das Passwort für den Systemadministrator root. Zwei abschließende Klicks setzen die Installation in Gang.
Die Installation verlief flott und auf Grund der kleinen Paketauswahl überraschend schnell. Unangenehm fiel hingegen auf, dass die Hilfetexte teilweise mit Rechtschreibfehlern übersät sind -- gelegentlich findet sich auch der eine oder andere unübersetzte Ausdruck.
Auch auf einem Notebook schlug sich Linspire nicht schlecht: Die integrierte Centrino-WLAN-Karte erkannte das System und band sie problemlos ein. Die Power-Management-Funktionen nutzte das System nicht konsequent. Ein funktionales Grundsystem war nach der Installation auf einem modernen Centrino-Notebook von Acer aber vorhanden.
Nach dem Neustart des Systems setzt Linspire die Installation mit verschiedenen Konfigurationsaufgaben fort. Nachdem Sie den Linspire-Lizenzvertrag akzeptiert haben, konfigurieren Sie die Soundkarte sowie Datum und Uhrzeit des Computers. Schließlich folgt ein Hinweis auf die Linspire-Zusatz-CD, bevor die Konfiguration endgültig beendet ist.
Verschiedene Konfigurationsaufgaben, die Benutzer bei anderen Distributionen während der Installation selber erledigen müssen, wickelt Linspire sehr angenehm im Hintergrund ab: Die integrierte Netzwerkkarte stellte das System zum Beispiel automatisch so ein, dass sie die Netzwerkadresse automatisch per DHCP empfing. Auch in Sachen Hardware-Erkennung gab sich Linspire keine Blöße: Alle Hardware-Komponenten des Testrechners -- es handelt sich um einen durchschnittlichen Desktop-PC -- erkannte die Distribution und richtete sie entsprechend ein. Die auf der Verpackung angekündigte WLAN-Unterstützung funktionierte auch für den USB-Adapter D-Link DWL122 ohne Probleme. Lediglich die 3D-Treiber für nVidia-Karten fehlten. Diese können Sie aber später über den CNR-Service (siehe unten) nachrüsten.
Eine echte Meisterleistung ist das Hilfe-Center mit diversen Howtos und Erklärungen zum System. Linspire startet dieses nach der Konfiguration automatisch, analog zur Tour unter Windows. Kleine und prägnante Filmsequenzen geben detailliert Überblick darüber, was Sie als Benutzer mit Ihrem neuen Linspire-System tun können. Auf Wunsch verlassen Sie das Hilfe-Center natürlich jederzeit und öffnen es später im Bedarfsfall wieder.
Rüffel verdient der Distributor hingegen in Sachen Benutzerverwaltung: Unter Linspire arbeiten Sie standardmäßig als root. Dies ist zwar bequem, da Sie so ohne Passwortabfrage Programme installieren und Hardware konfigurieren können, stellt aber auch ein deutlich erhöhtes Sicherheitsrisiko dar. Linspire beschreitet hier den bequemen und nicht ungefährlichen Weg von Windows. Sie können das Problem zwar nach der Installation lösen, indem Sie in der Benutzerverwaltung einen neuen Benutzer mit beschränkten Rechten anlegen, schöner wäre es aber, wenn Linspire diesen Schritt bereits während der Installation anbieten würde.
Auf den zwei CDs bringt Linspire vergleichsweise wenig Programme mit. Für den Ausgleich sorgt das Software-Warenhaus "Click and Run" (CNR). Sie starten das Programm per Klick auf das grüne Symbol des KDE-Panels. Bevor Sie über CNR zusätzliche Software-Pakete installieren können, müssen Sie sich mit der beiliegenden Registrierungsnummer bei Linspire anmelden. Anschließend durchsuchen Sie das Angebot in einem Browser-ähnlichen Programm und installieren neue Programme mit einem einzigen Mausklick. Dazu müssen Sie sich jedes Mal beim zentralen Linspire-Server anmelden. CNR ist zugleich der Paket-Manager der Distribution. Dies bedeutet, dass Sie ohne Internetverbindung keine Pakete installieren können.
Für die Registrierung müssen Sie auf der Linspire-Website Ihren Namen und die eigene E-Mail-Adresse angeben. Wenn Sie sich danach im CNR-Manager anmelden, stehen Ihnen die Annehmlichkeiten des CNR-Warehouses zur Verfügung. Das von der EasyLinux-Redaktion getestete Paket enthält einen einjährigen Zugriff mit CNR-Gold-Account, der auch technischen Support enthält. Die Registrierung verläuft weitgehend auf Deutsch, die Begrüßungs-Mails verschickt der Distributor aber in Englisch.
Das Warenhaus funktionierte gut, aber nicht einwandfrei: Linspire verwendet den UTF8-Zeichensatz, im CNR-Warehouse kommt aber ein alter ISO-Zeichensatz zum Einsatz. Anstelle der deutschen Umlaute sehen Sie deshalb bloß Zeichenmüll. Ein großes Problem stellt auch die fehlende Lokalisierung dar. Wer kein Englisch beherrscht, hat so zwar theoretisch die Möglichkeit, sich Zusatzprogramme zu installieren, scheitert rein praktisch aber daran, dass er die Beschreibung der Software nicht versteht. Im CNR-Warenhaus finden Sie auch die nVdia-Treiber. Nach der Installation des Kernel-Moduls sowie des X-Treibers richtet buildxconf --xdriver nvidia den Grafik-Server entsprechend ein, und nach einem Neustart benutzt das System die beschleunigten 3D-Treiber.
Wer sich nicht direkt im Netz bei Linspire anmelden will, findet auf der grünen Zusatz-CD ebenfalls viele Software-Pakete, darunter das Bildbearbeitungsprogramm Gimp und das Multimedia-Center MythTV. Nach nach Einlegen der CD installiert Linspire diese automatisch. Im Anschluss an die Meldung, der Installer habe seine Arbeit beendet, war aber partout kein Unterschied zum vorherigen Zustand des Systems festzustellen. Erst später stellte sich heraus, dass Linspire die Pakete lediglich auf die Festplatte kopierte, jedoch nicht installierte. Die Installation nehmen Sie über CNR vor, wozu Sie wiederum eine aktive Internetverbindung benötigen.
Linspire benutzt die Extra-CD auch dazu, kommerzielle Software zu verbreiten. So können Sie die Extra-Variante des Spiels Tuxracer (befindet sich auf der grünen CD) nur dann installieren, wenn Sie dieses über CNR bezahlen. Die rund 70 MByte hätte Linspire besser mit freien Programmen gefüllt.
Seltsam verlief auch der Test mit der Multimedia-Wiedergabe. Der Distributor wirbt öffentlich damit, dass er Video-Codecs für die Windows-Dateitypen WMA und WMV mitliefert. Nach der Installation waren aber weder die Codecs noch ein entsprechendes Tool zu finden, mit dem sich Videos hätten wiedergeben lassen. Das Shell-Skript mtlaunchwmv brachte die Rettung: Es installiert die grafische Oberfläche von MPlayer -- über das schon erwähnte CNR-Warehouse, man muss also registriert sein. MPlayer spielte nach der Installation tatsächlich WMV-Videos und WMA-Dateien ab; allerdings wäre es wesentlich sinnvoller, auf dem Desktop ein Icon "MPlayer installieren" zu platzieren, als den Benutzer auf die Suche nach einem Shell-Skript zu jagen.
Verschlüsselte DVDs spielt jedoch auch MPlayer nicht ab. Sie müssen dazu eine spezielle Version von Xine aus dem CNR-Warenhaus nachinstallieren, für die Linspire $9,99 veranschlagt. Damit sind Sie hinsichtlich der Lizenzfrage aus dem Schneider, da Linspire die Kosten dafür bereits bezahlt hat. Bestehen bleibt jedoch das rechtliche Problem mit dem Kopierschutz, da auch der DVD-Player von Linspire die umstrittene Bibliothek libdvdcss2 benutzt.
Ihre Bilder- und Liedersammlungen verwaltet Linspire mit zwei eigenen Programmen: Lsongs ist das Linspire-eigene Programm zur Audiowiedergabe, Lphoto soll die Verwaltung von digitalen Fotos erleichtern. Die beiden Programme imitieren an vielen Stellen iTunes und iPhoto. So sehen zum Beispiel die Icons in Lsongs dem Original von Apple zum Verwechseln ähnlich. Lsongs bringt auch eine direkte Anbindung an den Musikshop MP3tunes mit. Darin laden Sie Lieder per Mausklick herunter, sofern Sie über Kreditkarte bezahlen möchten.
Beide Programme funktionierten in den Tests gut, kommen aber beim Funktionsumfang nicht an Digikam und AmaroK heran. Die beiden Standardprogramme von KDE finden Sie aber auch im CNR-Warenhaus.
| Preis und Verfügbarkeit |
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Linspire ist ein amerikanisches Produkt, das es erst seit dieser Version auf dem deutschen Markt gibt. In Deutschland vertreibt es der holländische Distributor Top Systems [1] für rund 70 Euro. Der Preis beinhaltet ein Jahr CNR-Support sowie Installations-Support in Englisch über die Linspire-Homepage [2]. |
Linspire bringt eine schlanke Distribution, die sich ohne Probleme auf neueren Rechnern installieren lässt. Anlass zur Kritik geben allerdings die fehlenden Möglichkeiten zur Partitionierung und die Systembenutzung als root. Im laufenden System hinterließ die Distribution einen gemischten Eindruck: Die Linspire-eigenen Programme Lphoto und Lsongs lassen sich einfach bedienen, und die sprach- und videogestützte Einführung klärt viele Details.
Die Paketinstallation über CNR ist aber doch nicht so einfach wie angepriesen. Auch die Installation der Zusatzprogramme über die Extra-CD ist alles andere als vorbildlich gelöst. Benutzer ohne Internet-Verbindung müssen sogar ganz auf den CNR-Service verzichten. Da auch die Dokumentation sehr beschränkt ausfällt, kann Linspire dem Selbstanspruch, die "einfachste Distribution der Welt" zu sein, somit nicht gerecht werden.(mhi)
| Infos |
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[1] Deutsche Version: http://www.topsystems.com/products.php?lang=d&product=lin
[2] Linspire-Website: http://www.linspire.com/ |
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Last modified: 2007-04-05 11:10
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