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von Peter Kreussel
Das "eine" Linux gibt es nicht. Zwar bauen alle Linux-Varianten, ob Suse, Mandrake oder Debian, auf einem gemeinsamen Kern, dem Linux-Kernel, auf. Der Kernel ist der zentrale Bestandteil eines Linux-Systems: Er verteilt Arbeitsspeicher und Prozessorressourcen, verwaltet die Festplatten und lädt Hardware-Treiber (die so genannten Module). Doch damit Sie auf Ihrem Rechner unter einer grafischen Oberfläche arbeiten und Anwendungen bequem starten können, sind eine Reihe weiterer Komponenten nötig: X Windows verwaltet Fenster. KDE oder Gnome stellen eine Taskleiste, ein Startmenü und einen Dateimanager zur Verfügung. Diese unterschiedlichen Komponenten eines Linux-Desktops gibt es in vielen Versionen und Ausführungen.
Aufgabe einer Distribution ist es, aus der nahezu unendlichen Auswahl ein Paket zu schnüren, mit dem Sie ohne große Mühe eine praxistaugliche Desktop-Umgebung installieren können. Dieses Paket beinhaltet nicht nur das Betriebssystem, sondern auch eine Auswahl an Anwendungen. Die Programme sind zwar fast immer frei über das Internet erhältlich, allerdings liegen Sie dort meist nicht als ausführbare Programmdateien (unter Windows: Exe-Dateien) vor. Wenn Sie Quellen aus dem Internet verwenden möchten, müssen sie diese zuerst für Ihre System "übersetzen" (kompilieren). Diese nicht ganz unproblematische Aufgabe nehmen Ihnen die Distributionen ab. Moderne Distributionen enthalten zudem Werkzeuge, die das Einrichten eines Druckers, einer DSL-Verbindung oder anderer Hardware erleichtern.
Die Auswahl an Linux-Distributionen ist groß: http://linux.org, eine zentrale Anlaufstelle für Informationen über das freie Betriebssystem, listet über 300, die sich aktiv in Weiterentwicklung befinden. Vielleicht fragen Sie sich, wo der Nutzen liegt, wenn an so vielen Varianten von Linux parallel gearbeitet wird. Doch die Wahl zu haben, ist nicht nur eine Qual: Schließlich lässt sich die Frage, welche von den vielen Distributionen die beste ist, nicht so einfach beantworten. Entscheidend ist vielmehr, wie Sie als Anwender die Schwerpunkte setzen: Der Fahrer eines familientauglichen Kombis wird sich kaum für den Kofferraum eines Sportwagens begeistern. Der Sportwagenfahrer wünscht sich etwas mehr Tempo, als ein Pickup bieten kann. Jeder hat also gute Gründe für seine Fahrzeugwahl. Auch in der Linux-Welt gibt es Renntiere und Lastesel. Dieser Artikel gibt Ihnen einen Überblick über die Besonderheiten der meist verbreiteten Linux-Varianten. Zudem präsentiert er Ihnen einige Exoten, die zeigen, dass sich Linux auch in sehr speziellen Anwendungsfällen bewährt.
Suse Linux ist die im deutschsprachigen Raum am weitesten verbreitete Distribution. Für diese große Beliebtheit gibt es durchaus Gründe: Die Installation eines Suse-Linux-Systems verläuft weitgehend automatisch. Das grafische Installationsprogramm ist übersichtlich gestaltet und kommt mit sehr vielen Hardware-Komponenten zurecht.
Doch auch Profis sind mit Suse Linux gut bedient: Nach dem Booten von der Installations-DVD stehen leistungsfähige Tools zur Verfügung, die ein beschädigtes System wieder zum Laufen bringen. Mit Yast (Abbildung 1) bietet Suse Linux ein Kontrollzentrum für Einstellungen an Ihrem System. Auch wenn Sie Linux-Neuling sind, gelingt Ihnen damit die Installation eines Scanners oder die Einrichtung Ihres Netzwerkes.
Seit der aktuellen Version 10.0 arbeiten Freiwillige an der Weiterentwicklung der Suse-Distribution mit. Sie können Programmpakete bereitstellen und Lösungen für Bugs einsenden. Jeder kann die Distribution von der OpenSuse-Homepage [1] kostenlos herunterladen und beliebig verändern. Einziger Wermutstropfen: Pakete, deren Lizenz dies verbietet (zum Beispiel Java), fehlen in der freien Version. Suse Linux bietet daher weiterhin eine käuflich zu erwerbende Box mit DVDs/CDs an, die diese Pakete mit einschränkender Lizenz enthält. Die DVD erspart außerdem Nutzern ohne schnelle Internet-Verbindung den Download des 4,3 GByte großen Images. Die Käufer der DVD/CD-Version erhalten außerdem kostenlos telefonische Hilfe bei Installationsproblemen.
Wie Suse eignet sich Mandriva Linux gut für Anfänger. Auch Linux-Neulinge finden sich schnell mit dem grafischen Installationsprogramm zurecht (Abbildung 2). Bemerkenswert ist die kurze Installationszeit: Auf einem aktuellen Rechner können Sie in etwas mehr als zehn Minuten Linux zum Laufen bringen. Mit dem Kontrollzentrum stellt Mandrake Linux ein grafisches Verwaltungswerkzeug zur Verfügung, das in seiner Leistungsfähigkeit mit Yast von Suse Linux vergleichbar ist. Allerdings arbeitet die automatische Hardware-Erkennung weniger zuverlässig als bei Suse Linux.
Auffällig an Mandrake Linux ist das eigenwillige, aber durchaus stimmige Design, das sicher seine Anhänger findet. Was den Download über Mandriva.com [2] angeht, verfolgt Mandrake Linux einen weniger liberalen Ansatz als Suse Linux: Nur eine eingeschränkte Version, die aus drei CDs besteht, ist frei verfügbar. Für den Download einer DVD-Version, die das Wechseln der CDs erspart und außerdem eine größere Auswahl an Software enthält, ist eine kostenpflichtige Mitgliedschaft erforderlich.
Seit der Übernahme des südamerikanischen Linux-Software-Schmiede Conectiva im Frühjahr 2005 heißt Mandrake-Soft Mandriva. Einige Technologien aus der Conectiva-Werkstatt sind in das als Vorschauversion verfügbare Mandriva Linux 2006 eingeflossen (siehe Artikel "Mandriva Linux 2006" in dieser Ausgabe).
Red Hat Linux ist in mehrfacher Hinsicht ein Klassiker unter den Linux-Distributionen: Version 1.0 erschien bereits Ende 1994 auf dem Markt. Außerdem hat Red Hat das RPM-Paketmanagement-System entwickelt, das viele Distributionen zur komfortablen Software-Installation nutzen. Red Hat ist Marktführer in den USA. Anders als Suse und Mandrake Linux, bei denen Sie zwischen Gnome und KDE wählen können, beinhaltet Red Hat nur die Gnome-Desktop-Umgebung. Die Installation funktioniert seit geraumer Zeit komfortabel über eine grafische Oberfläche (Abbildung 3).
Ende 2003 beschloss Red Hat, sich auf Firmenkunden zu konzentrieren. Unter dem Namen Fedora Core entwickelt nun ein Team aus Freiwilligen eine nicht kommerzielle Version weiter, die auf der Fedora-Web-Seite [3] zum Download bereit steht. So wurde das bewährte Red-Hat-Fundament aktuell gehalten, ohne seine traditionellen Tugenden wie gute Bedienbarkeit und Stabilität zu verlieren.
Debian stand von Anfang an unter einer freien Lizenz, wie die Debian-Web-Seite [4] hervorhebt. Es ist erlaubt, die Distribution als Basis für eigene Entwicklungen zu nehmen und diese weiter zu verteilen. Daher basieren viele andere Distributionen auf Debian. Viele von ihnen setzen sich das Ziel, die Bedienbarkeit zu verbessern. Hier hat Debian Linux bis heute Defizite: So war es in der Testinstallation nötig, die Grafikkarte per Hand auszuwählen. Der Auswahldialog zeigte nur die Kurznamen der Treiber an, zum Beispiel nv für Nvidia (Abbildung 4).
Neue Versionen von Debian Linux erscheinen zudem in unregelmäßigen Abständen. Die Intervalle zwischen den Neuerscheinungen werden dabei offensichtlich immer länger: Zwischen Version 3.0 und der aktuellen 3.1 lagen drei Jahre. Wer also nicht mit den Problemen und Instabilitäten einer Entwicklerversion leben möchte, muss bei Debian Linux auf Aktualität verzichten.
Als Stärken kann Debian Linux Stabilität, ein hohes Sicherheitsbewusstsein der Entwickler sowie einen sehr großen Bestand an verfügbarer Software für sich verbuchen. Die Installation von Software-Paketen verläuft dank des Debian-spezifischen Installers apt zuverlässig und komfortabel.
Ubuntu Linux ist eine Debian-basierte Distribution, die versucht, die Debian-Technologie auch Nutzern ohne vertiefte Linux-Kenntnisse zugänglich zu machen. Das Ubuntu-Team hat sich vorgenommen, anders als Debian Linux alle sechs Monate ein aktuelles Paket herauszubringen. Die Installation ist komfortabel und weitgehend automatisiert. Die Hardware-Erkennung lief im Test ohne Fehler. Dass das auf Debian Linux aufbauende Installationsprogramm nach wie vor textbasiert ist, erweist sich dabei kaum als Nachteil. Das installierte System entschädigt dafür mit einem angenehmen Look (Abbildung 5).
Ubuntu (das südafrikanische Wort bedeutet Menschlichkeit) verschickt gegenwärtig kostenlos Distributions-CDs. Daneben ist die Distribution frei zum Download verfügbar [5] und wird dies auch in Zukunft bleiben. Möglich ist dies, da Ubuntu Linux von Canonical Ltd, hinter dem der südafrikanische Multimillionär Mark Shuttleworth steht, gesponsort wird.
Knoppix baut wie Ubuntu auf Debian Linux auf. Doch bei Knoppix handelt es sich um eine so genannte Live-CD: Sie müssen die Knoppix-CD nur in das Laufwerk legen und das BIOS so einstellen, dass Sie von CD oder DVD booten können. Dann startet ohne Installation ein Linux-System mit vielen interessanten Anwendungen zum Ausprobieren direkt von der CD (Abbildung 6). Dabei haben Sie Zugriff auf die im Computer eingebauten Festplatten, wenn auch zunächst ohne Schreibrechte. Ein Rechtsklick auf das Laufwerkssymbol auf dem Desktop macht es aber möglich, Daten auch abzuspeichern.
Dies funktioniert problemlos für Linux-Dateisysteme und FAT-Datenträger von Windows 95, 98 und ME. Vorsicht ist allerdings bei Windows XP geboten, da Linux Schreiben auf das Standard-Dateisystem von Windows XP von nur experimentell unterstützt. Es kann also zu Datenverlusten auf Ihren Windows-Laufwerken kommen, wenn Sie diese von Knoppix aus beschreiben. Weitere Informationen dazu finden Sie im Artikel "Knoppix und Ubuntu" in diesem Heft. Die Knoppix-Distribution befindet sich auf der Heft-CD oder unter [6].
Ein PC mit 468er-Prozessor gehört auf den Müll? Nicht unbedingt, wenn als Betriebssystem Linux zum Einsatz kommt. Einige Distributionen haben sich darauf spezialisiert, das "alte Eisen" zu neuem Leben zu erwecken. Unter DeLi oder Desktop Light Linux müssen Sie zwar auf die neueste Software und eine komfortable Desktop-Umgebung wie KDE oder Gnome verzichten. Alltagsaufgaben wie E-Mails oder Briefe schreiben lassen sich damit aber allemal erledigen. Statt auf alte Windows-Versionen wie Windows 3.1 auszuweichen, können Sie unter DeLi Linux trotz angestaubter Hardware mit einem stabilen, ausgereiften Betriebssystem arbeiten. Als Motiviation für ihre Arbeit nennen die Entwickler auf der Projektseite [7] unter anderem das Ziel, Linux für Menschen in ärmeren Regionen, für die aktuelle Computer unerschwinglich sind, zugänglich zu machen.
Flightlinux ist ein ausgesprochener Spezialist: Die NASA hat es zur Steuerung von Raumfahrzeugen entwickelt. Normalerweise teilen sich unter Linux alle laufenden Programme die Rechner-Ressourcen. Dies ist sinnvoll, wenn Sie an einem Text in OpenOffice arbeiten und Ihr Web-Browser gleichzeitig im Hintergrund eine Seite laden soll. Dass dabei OpenOffice etwas langsamer läuft, wird auf einem halbwegs aktuellen Rechner kaum auffallen. Auf einem normalen Linux-System ist es zwar möglich, den laufenden Anwendungen verschiedene Prioritäten zuzuweisen. Für Aufgaben wie der Steuerung eines Spaceshuttles, bei denen es auf Sekundenbruchteile ankommt, ist dies jedoch nicht ausreichend. Deswegen verwendet Flightlinux einen modifizierten Kernel. Dieser stellt sicher, dass dem für die Flugbewegungen zuständigen Prozess absolute Priorität eingeräumt wird. Dabei erweist sich die Stabilität von Linux in diesem Einsatzbereich als besonderes Plus. Die englische Projektseite der NASA finden Sie unter [8]. (pkr)
| Infos |
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[1] Hompage der freien Version der Suse-Distribution: http://www.opensuse.org
[2] Internetseite von Mandriva:http://mandriva.com [3] Hompage des Linux-Herstellers Red Hat: http://www.redhat.de/fedora [4] Debian-Projektseite: http://www.debian.org [5] Ubuntu Linux Startseite: http://www.ubuntulinux.org [6] Webseite des Knoppix-Projektes: http://www.knoppix.org/ [7] DeLi Linux, eine Linux-Distribution für langsame Rechner: http://www.delilinux.de [8] Nasa-Projektseite zu Flightlinux: http://flightlinux.gsfc.nasa.gov |
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Last modified: 2007-04-05 11:10
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