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Erschienen in EasyLinux 03/2006   »   Ausgabe bestellen

Virtuelle Maschine mit Parallels

Parallele Welten

Hans-Georg Eßer


Windows und Linux parallel zu betreiben, ist zur Zeit nur mit Hilfe eines PC-Emulators möglich. Der Klassiker VMware hat mit Parallels nun einen Konkurrenten bekommen, der mit einem Kampfpreis von 50 US-Dollar antritt. Wir haben ihn getestet.

Wer Windows-Programme unter Linux ausführen will, hat die Wahl zwischen zwei technisch sehr unterschiedlichen Lösungen: Wine bildet die Laufzeitumgebung von Windows nach und kann viele Windows-Anwendungen direkt ausführen (siehe Artikel ab Seite 30). Allerdings sind zahlreiche aktuelle Programme nicht Wine-kompatibel, z. B. Microsofts Office-Paket. Da hilft in vielen Fällen CrossOver Office [2], eine kommerzielle aufgebohrte Wine-Version. Die Alternative ist die Emulation eines vollständigen PCs, in dem dann ein vollständiges Windows (z. B. Windows XP Home) installiert wird: Darunter laufen dann fast alle Windows-Anwendungen.

Für die Emulation eines kompletten PCs gab es bisher nur zwei brauchbare Programme: das kommerzielle und mit ca. 180 Euro recht teure VMware (siehe Artikel ab Seite 24) und das Open-Source-Programm Qemu [3]. Mit Parallels [1] betritt nun ein weiterer kommerzieller Anbieter die Emulatoren-Arena, und er verlangt nur 50 US-Dollar für sein Produkt. Grund genug, einen Blick auf den VMware-Konkurrenten zu werfen, der neben Windows auch IBMs altes Betriebssystem OS/2 [4] ausführen kann und damit die Liste der unter Linux nutzbaren Programme nochmals erweitert.

Installation und Konfiguration

Wer bereits VMware kennt, dem wird die Einrichtung von Parallels auf Anhieb vertraut vorkommen: Nach dem Einspielen des RPM-Pakets (von der EasyLinux-Heft-CD) rufen Sie in einem Terminal-Fenster mit Root-Rechten das Programm Parallels-config auf, das dann die nötigen Grundlagen für den Betrieb des Emulators schafft; es kompiliert dazu Kernel-Module. Damit das funktioniert, müssen auf Ihrem Linux-System die Kernel-Quelltexte und die Entwicklungsumgebung installiert sein. Die Schritte im Einzelnen sind:

  1. Drücken Sie [Alt-F2] und geben Sie in das Schnellstartfenster konsole ein.
  1. Es erscheint ein Terminal-Fenster, in dem Sie mit dem Befehl su und (auf Anforderung) Eingabe des Root-Passworts zum Systemadministrator werden.
  1. Mit Root-Rechten ausgestattet, geben Sie nun den Befehl Parallels-config ein.

Nach der Konfiguration starten Sie den Emulator -- im Startmenü finden Sie ihn unter System / Weitere Programme / Parallels; alternativ öffnen Sie wieder mit [Alt-F2] ein Schnellstartfenster, in das Sie Parallels eingeben.

Auf der Parallels-Web-Seite [1] besorgen Sie sich einen Lizenzschlüssel, denn ohne diesen Key aktiviert Parallels keine virtuelle Maschine. Den Key schickt Ihnen der Server nach der Registrierung per E-Mail zu. Öffnen Sie dann mit Help / Registration aus dem Parallels-Menü einen Dialog, in dem Sie den Lizenzschlüssel eingeben können. Die Testlizenz ist anderhalb Monate lang gültig; wollen Sie das Programm nach Ablauf dieses Zeitraums weiter nutzen, müssen Sie einen regulären Schlüssel kaufen und diesen ebenfalls über die Registrierungsfunktion eingeben.

Vor der Windows-Installation konfigurieren Sie dann in Parallels eine neue virtuelle Maschine (Create a typical VM); dabei geben Sie an, welches Betriebssystem Sie einrichten wollen, zum Beispiel Windows als Betriebssystemtyp und Windows XP als Version (Abbildung 1).

Abb. 1: Teilen Sie Parallels in der VM-Konfiguration mit, welches Betriebssystem Sie installieren wollen -- hier Windows XP.

Eine virtuelle Festplatte legt Parallels standardmäßig in Ihrem Home-Verzeichnis an -- es erzeugt dazu ein Unterverzeichnis parallels-vm und darin für jeden virtuellen PC ein weiteres, z. B. winxp für eine XP-Installation.

Die Netzwerkeinstellungen hängen davon ab, ob Sie bereits ein lokales Netzwerk betreiben -- ist das der Fall, übernehmen Sie die Vorgabe Bridged Network. Läuft im Netzwerk ein DHCP-Server, erhält das virtuelle Windows später von diesem sogar automatisch eine IP-Adresse. Gibt es kein lokales Netzwerk, ist die Variante Host-only networking die bessere Wahl. Um diese zu wählen, klicken Sie in der Konfigurationsübersicht (Abbildung 2) auf Network Adapter und passen die Vorgabe an.

Abb. 2: Nach dem Laden (oder Neuanlegen) einer virtuellen Maschine zeigt Parallels deren Konfiguration an.

Windows-Installation

Für die Windows-Installation benötigen Sie eine passende Installations-CD -- die Wiederherstellungs-CD eines Kaufhaus-PC kann sich dafür eignen oder auch nicht. Mit eingelegter CD klicken Sie den grünen Pfeil in der rechts liegenden Icon-Leiste des Parallels-Fensters an, dann startet der virtuelle PC.

Zur eigentlichen Windows-Einrichtung gibt es nicht viel zu sagen: Sie verläuft exakt wie auf einem richtigen PC (Abbildung 3). Bei der Netzwerk-/Internet-Konfiguration geben Sie an, dass Ihr PC bereits mit einem Netzwerk verbunden ist.

Abb. 3: Die Windows-Installation auf dem virtuellen PC unterscheidet sich nicht von der auf einem richtigen Computer.

Schön: Direkt nach der Installation ist es möglich, die recht niedrige Standardauflösung (800x600 Punkte, Abbildung 4) des virtuellen Windows-Rechners zu vergrößern -- neben 1024x768, 1280x1024 und 1600x1200 Pixeln ist dabei auch die Variante 1152x864 verfügbar, die besonders praktisch ist, wenn das Linux-System mit 1280x1024 Bildpunkten arbeitet: Dann passt nämlich das komplette Parallels-Fenster auf den Desktop und lässt noch genug Platz, um z. B. die Windows-Startleiste zu erreichen. Für richtig große Monitore mit 1600x1200 Pixeln eignet sich die Windows-Auflösung 1400x1050.

Abb. 4: Beim ersten Start verwendet Windows eine niedrige Auflösung; die können Sie aber sofort korrigieren.

Virtuelle Hardware

Einige Hardware-Komponenten sind frei konfigurierbar; so können Sie der virtuellen Maschine mehrere serielle und parallele Schnittstellen sowie bis zu vier CD-/DVD-ROM-Laufwerke zuordnen. Letztere können Sie dabei entweder auf echte Laufwerke im PC oder auf Image-Dateien abbilden. Gerade das Arbeiten mit Image-Dateien ist sehr nützlich: Haben Sie beispielsweise ein ISO-Image einer neuen Linux-Distribution aus dem Internet herunter geladen, müssen Sie es nicht erst auf eine CD brennen, sondern können in Parallels direkt von diesem Image aus die Installation durchführen.

Ein eigenes BIOS, das (wie bei VMware) die üblichen Setup-Menüpunkte bietet, gibt es bei Parallels nicht; die Boot-Reihenfolge können Sie aber über die Konfigurationsseite der virtuellen Maschine anpassen. Standardmäßig sucht eine Parallels-Maschine erst auf der virtuellen Festplatte, dann auf Diskette und zuletzt auf CD/DVD nach einem boot-fähigen Betriebssystem.

Auch Sound leitet Parallels an das Linux-System weiter; dabei kann allerdings keine andere Sound-Quelle von Linux parallel laufen, denn Parallels benötigt exklusiven Zugriff auf die Gerätedatei /dev/dsp.

Parallels Tools

Die Ähnlichkeit zwischen VMware und Parallels setzt sich auch bei der Einrichtung zusätzlicher Treiber für das Windows-Gastsystem fort, mit denen die Arbeit angenehmer wird: Über den Menüpunkt VM / Install Parallels Tools binden Sie eine virtuelle Treiber-CD ein, Windows XP startet dann automatisch den Installationsassistenten. Es beschwert sich dabei mehrfach über fehlende Signaturen den Treiber -- klicken Sie jeweils auf Installation fortsetzen. Nach dem Einrichten der Treiber ist ein Neustart des emulierten Windows-Systems fällig.

Danach fällt das Arbeiten mit dem virtuellen PC leichter: Die Maus ist nicht länger in der Windows-Sitzung gefangen, sondern Sie können den Mauszeiger einfach aus dem Parallels-Fenster herausbewegen. Über die nun geteilte Zwischenablage ist ein Austausch zwischen Windows- und Linux-Anwendungen möglich: So markieren Sie etwa einen Textbereich in Microsoft Word im emulierten Windows-System, kopieren ihn mit [Strg-C] in die Zwischenablage, wechseln dann zu OpenOffice unter Linux und fügen den Text mit [Strg-V] in ein Writer-Dokument ein. Zwar gehen dabei alle Formatierungen verloren, aber zumindest der reine Text (inklusive deutscher Sonderzeichen) schafft den Weg von einem Betriebssystem ins andere.

Abb. 5: Parallels unter Suse Linux 9.3 mit installiertem Windows XP Home und aktivem Internet Explorer.

Vergleich mit VMware

In den Grundfunktionen, also Installation der virtuellen Maschine und Netzwerkanbindung, sind sich VMware und Parallels sehr ähnlich. Wer bereits mit VMware gearbeitet hat, fühlt sich darum direkt zu Hause. Den niedrigeren Preis von Parallels bemerken Sie vor allem in der geringeren Liste an Zusatz-Features: So ist es mit Parallels beispielsweise nicht möglich, eine laufende virtuelle Maschine "einzufrieren" und später (etwa nach einem Neustart von Linux) zu reaktivieren. Auch die Aufzeichnung eines Videos (das Sie zum Beispiel für Schulungszwecke verwenden könnten) erlaubt nur VMware.

Parallels kann auch nur eine virtuelle Maschine pro Fenster darstellen. Wollen Sie gleichzeitig zwei Windows-Sitzungen (oder generell mehrere virtuelle Maschinen mit unterschiedlichen Betriebssystemen) laufen lassen, können Sie aber über File / New Window jederzeit weitere Parallels-Fenster öffnen, in denen Sie dann zusätzliche virtuelle PCs starten. VMware ist da etwas komfortabler zu bedienen, denn es fasst alle laufenden PCs über Tabs (wie bei einem Web Browser) in einem einzigen Fenster zusammen.

OS/2-Anwender werden sich darüber freuen, dass Parallels -- anders als VMware -- auch dieses etwas veraltete Betriebssystem als Gastsystem unterstützt. Im Test lief die OS/2-Installation auch problemlos durch (Abbildung 6), allerdings gelang es nicht, die virtuelle Netzwerkkarte in Betrieb zu nehmen oder die Grafikauflösung zu erhöhen.

Abb. 6: Nostalgische Anwender können auch OS/2 unter Parallels installieren.

Fazit

In ersten Tests zeigte sich Parallels stabil, und die Belastung des Linux-Systems bei einem im Emulator laufenden Windows XP Home war niedrig. Auf dem Testrechner (AMD Athlon64 3400+ mit 2,2 GHz; 1 GByte RAM) liefen selbst Videos im emulierten Windows flüssig. In einem Interview [5] gibt ein Pressesprecher an, dass niedriger Ressourcenverbrauch ein wichtiges Ziel bei der Entwicklung war.

Da sowohl Parallels als auch VMware eine kostenlose Probephase anbieten, können Sie einfach beide Produkte ausprobieren -- reichen Ihnen die Features von Parallels, sind Sie mit 50 US-Dollar deutlich günstiger im Spiel als bei VMware.

Version 2.0 ist die erste öffentlich verfügbare Parallels-Version. Für spätere Releases verspricht der Hersteller zahlreiche weitere Features.

Vielfalt ist immer erfreulich, und schon allein aus diesem Grund ist es erfreulich, dass es nun einen weiteren Emulator auf dem Markt gibt. Die beiden kommerziellen Konkurrenten werden sich wohl zu Höchstleistungen anspornen, und vielleicht führt der "Dumping-Preis" von Parallels auch zu einer Neugestaltung der VMware-Preispolitik. (hge)

Infos
[1] Parallels, http://www.parallels.com/
[2] CrossOver Office, http://www.codeweavers.com/
[3] Qemu, http://fabrice.bellard.free.fr/qemu/
[4] OS/2 Warp, http://www-306.ibm.com/software/os/warp/
[5] Interview mit Parallels Marketing-Manager, http://www.virtual-strategy.com/article/articleview/1334/1/2

Auf der Heft-CD:


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