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Carsten Schnober
Die Desktop-Umgebung Gnome [1] verbreitet sich immer mehr als beliebte Alternative zu KDE. Unter namhaften Distributionen wie Ubuntu und Fedora Core kommt sie bereits als Standard zum Einsatz, Suse Linux lässt Benutzern bei der Installation die freie Wahl zwischen den beiden großen Arbeitsplatzumgebungen.
Alle großen Distributionen, egal ob der Standard-Desktop KDE oder Gnome heißt, bieten den jeweils anderen zum Nachinstallieren an. Im Falle von Ubuntu gibt es mit Kubuntu dafür eine eigene Variante der Distribution, bei Suse Linux, Mandriva oder Fedora Core installiert man einfach die passenden Pakete über den Paket-Manager nach.
Doch wieso gibt es überhaupt mehrere große Desktop-Umgebungen, von denen KDE und Gnome wiederum nur die bekanntesten sind? Das hat vor allem historische Gründe: KDE war die erste Desktop-Umgebung für Linux. Sie setzt auf die Grafikbibliothek Qt, die zur Gründungszeit von KDE zwar für den privaten Gebrauch kostenlos war, jedoch nicht unter einer freien Lizenz stand.
Andere Programmierer fürchteten, dass der Qt-Hersteller Trolltech dem freien Desktop durch eine Lizenzänderung eines Tages einen Strich durch die Rechnung machen könnte, und wollten sich deshalb nicht auf Qt verlassen. Deshalb begannen sie die Arbeit an Gnome, basierend auf der von Beginn an freien Grafikbibliothek GTK (Gimp Toolkit), das die Programmierer des Grafikprogramms Gimp entwickelt hatten. Die zahlreichen weniger verbreiteten Linux-Oberflächen wie beispielsweise XFCE [2] oder Enlightenment [3] entstanden vor allem, weil deren Entwickler Gnome und KDE als zu umfangreich und langsam empfanden, oder schlicht aus Spaß am Programmieren.
Inzwischen hat Trolltech tatsächlich die Qt-Lizenz geändert, anders als befürchtet jedoch zu Gunsten der freien Software. Seit einigen Jahren gibt es die Grafikbibliothek in einer kommerziellen Variante für kommerzielle Produkte und in einer GPL-Version für freie Software; dieser Schritt lässt sich nicht rückgängig machen, schlimmstenfalls könnte der Hersteller die GPL-Version nicht mehr weiterentwickeln und diese Aufgabe der Linux-Gemeinde überlassen. Die beiden Qt-Varianten unterscheiden sich ausschließlich in ihrer Lizenz.
Seitdem ist die Existenz von KDE als freie Software garantiert; die Gnome-Entwickler brachen ihr fortgeschrittenes Projekt deshalb natürlich nicht ab und so haben Linux-Nutzer nach wie vor die Wahl zwischen beiden Desktop-Umgebungen.
Die Desktop-Umgebungen Gnome und KDE unterscheiden sich optisch sehr deutlich. Beispielsweise verwendet Gnome nicht das von KDE und Windows gleichermaßen bekannte Design mit einer Systemleiste am unteren Bildschirmrand, an dessen linkem Rand ein Menü alle wichtigen Funktionen zur Verfügung stellt, beispielsweise den Zugriff auf installierte Anwendungen, auf das Kontrollzentrum oder auf die Schnellstartfunktion.
Stattdessen wartet die Gnome-Standardkonfiguration mit zwei Systemleisten auf, eine am unteren und eine am oberen Bildschirmrand (Abbildung 1). Die untere Leiste zeigt lediglich die geöffneten Fenster sowie die virtuellen Arbeitsflächen an, auf der oberen dagegen befinden sich gleich drei Menüs: Anwendungen, Orte und System. Ersteres entspricht dem Teil des KDE-Menüs, der die installierten Programme durch Untermenüs sortiert und per Mausklick ausführbar macht.
Das System-Menü enthält Programme zur Konfiguration des persönlichen Desktops sowie des gesamten Betriebssystems, die Gnome-Hilfe und den Button zum Abmelden. Orte schließlich -- dieses Untermenü verwendet Gnome erst seit Version 2.12 -- bietet über den Datei-Manager direkten Zugriff auf das Dateisystem. Darunter fallen Verzeichnisse auf der Festplatte oder beispielsweise auf einhängten CD-ROMs ebenso wie Netzwerkverbindungen.
Das Aussehen einer Desktop-Umgebung lässt sich vom Benutzer weitgehend frei verändern. Schon der Distributor passt gewöhnlich die vom Desktop vorgegebenen Standards so an, dass distributionseigene Icons, Hintergrundbilder oder Software, unter Suse Linux beispielsweise das Konfigurationswerkzeug YaST, die Vorgaben ergänzen oder ersetzen.
Man hat zudem unter Gnome ebenso wie unter KDE die Möglichkeit, Systemleisten, Menüs, Fensterlisten, Arbeitsflächenumschalter, Uhren und andere Desktop-Objekte beliebig zu platzieren. Auch das Hintergrundbild, die Fensterumrahmungen und alle Icons sind auswechselbar, so dass eine Gnome-Oberfläche beinahe wie KDE aussehen kann und umgekehrt. In einigen Versionen von Suse Linux sah ein nachinstallierter Gnome-Desktop einer KDE-Oberfläche tatsächlich zum Verwechseln ähnlich und hatte beispielsweise ebenfalls nur eine Systemleiste am unteren Bildschirmrand. Die Optik ist also, trotz sehr unterschiedlicher Standardvorgaben, weniger Desktop-spezifisch als die grundlegenden Programme zur Konfiguration und Dateiverwaltung.
Unter KDE nimmt man alle Einstellungen über das Kontrollzentrum vor, auch wenn hier wiederum Suse Linux durch die Integration von Yast deutlich von den KDE-Standardvorgaben abweicht. Gnome dagegen setzt unterschiedliche Programme für jeden Zweck einsetzt -- sie ähneln den einzelnen Modulen des KDE-Kontrollzentrums, sind aber voneinander unabhängig.
Im Untermenü System / Einstellungen befinden sich alle Konfigurationsprogramme, die lediglich den momentan angemeldeten Benutzer betreffen, also beispielsweise Maus- und Tastatureinstellungen, das Aussehen der Oberfläche oder Klangereignisse (Abbildung 2).
Abb. 2: Gnome verwendet zur Konfiguration statt einer zentralen Anwendung für jeden Zweck ein eigenes Programm. |
Abb. 3: Zur Konfiguration des Betriebssystems liefert Gnome zahlreiche grafische Anwendungen mit. |
Der Punkt Systemverwaltung enthält Programme, die systemweite Einstellungen vornehmen, darunter die Netzwerkkonfiguration, die Benutzer- und Gruppenverwaltung oder die Partitionen und ihre Einhängepunkte im Verzeichnissystem (Abbildung 3). Welche dieser Systemprogramme im Menü zu finden sind, hängt wiederum von der Distribution ab. Suse bietet mit YaST für die meisten eine Alternative, aber beispielsweise Benutzer Debian-basierter Systeme wie Ubuntu finden erst dadurch die Möglichkeit, fast alle Komponenten ihres Systems über die grafische Oberfläche zu konfigurieren.
Um die Dateiverwaltung kümmert sich unter Gnome das Programm Nautilus. Es öffnet sich automatisch bei einem Klick auf einen Ort im gleichnamigen Menü; beispielsweise bringt Orte / Computer ein Nautilus-Übersichtsfenster mit allen eingebundenen Festplatten, Wechseldatenträgern und Netzwerklaufwerken auf den Bildschirm. Dank des so genannten virtuellen Dateisystems verschleiert Nautilus den Unterschied zwischen lokalen Verzeichnissen, Netzwerkverbindungen und v irtuellen Ansichten wie der Computer-Übersicht oder auch dem Mülleimer.
Eine Navigationsleiste zeigt Nautilus in der Voreinstellung nicht an, stattdessen erfolgt der Wechsel in ein anderes Verzeichnis im Datei-Menü über den Punkt Ort öffnen.... Dort trägt man den Namen eines Ordners auf der Festplatte oder einen virtuellen Ort wie trash://, computer:// oder fonts:// ein. Der Punkt Mit Server verbinden... dagegen stellt eine Netzwerkverbindung mit einem FTP- oder SSH-Server oder auch einer Windows-Freigabe her; sie erscheint daraufhin in der Computer-Ansicht von Nautilus, der sie wie ein gewöhnliches Verzeichnis behandelt.
Ein Doppelklick auf einen Nautilus-Eintrag öffnet den gewählten Ort in einem neuen Programmfenster. Dieses Verhalten sorgt beim Navigieren durch den Verzeichnisbaum schnell für einen mit geöffneten Fenstern gefüllten Bildschirm und ist aus diesem Grund unter Gnome-Entwicklern Grund für ständige Diskussion. Zweimal haben sie die Voreinstellung schon umgestellt; wer neue Verzeichnisse lieber im selben Fenster öffnet, verwendet Nautilus im Datei-Browser-Modus: Den erreicht man, indem man ein Objekt mit einem rechten Mausklick anwählt und im erscheinenden Kontextmenü Mit Datei-Browser öffnen markiert.
Ebenfalls aus der KDE-Umgebung bekannt sind die so genannten Themes, die das Aussehen der Oberfläche verändern. Sie ändern z. B. Farbe und Form der Fensterrahmen sowie die Icons für Laufwerke, Verzeichnisse, Dateien oder den Mülleimer. Der Theme-Manager (Abbildung 4) unter System / Einstellungen bietet einige mit Gnome ausgelieferte Outfits zur Auswahl. Wem diese nicht ausreichen, der findet unter [4] und [5] neben Hintergrundbildern und alternativen Startbildschirmen große Sammlungen weiterer Themes, die Gnome nach dem Download über den Button Thema installieren... per Mausklick einbindet.
Beim Klick auf ein Theme macht sich eines der Bedienungskonzepte von Gnome bemerkbar, das sich von der KDE-Benutzung deutlich unterscheidet: In allen Gnome-Anwendungen macht ein Klick auf eine Option die Änderung direkt wirksam, während KDE auf eine Bestätigung über einen der Buttons Anwenden oder OK wartet.
Ebenfalls Anlass zu einer anhaltenden Diskussion bietet die Absicht, den Benutzer nicht mit einer Vielzahl von Optionen zu überfordern. Dialogfenster zeigen deshalb meist nur die wichtigsten Auswahlmöglichkeiten und verbergen seltener benötigte Funktionen hinter ausklappbaren Untermenüs oder stellen sie gar nicht über die grafische Oberfläche zur Verfügung. Gegner dieses Konzepts werfen den Gnome-Entwicklern eine Bevormundung ihrer Benutzer vor, jüngst hat sich deshalb sogar Linux-Erfinder Linus Torvalds zu wüsten Beschimpfungen hinreißen lassen. Befürworter dagegen fühlen sich gerade von der allgegenwärtigen Funktionsvielfalt des Konkurrenten KDE belästigt, wo das Kontrollzentrum oder andere Anwendungen ihre Benutzer häufig in einem großen Optionsdschungel allein lassen.
Damit im Konfigurationsdialog einer Anwendung gänzlich ausgeblendete Optionen trotzdem erreichbar sind, gibt es den Gnome-Konfigurations-Editor (Abbildung 4), der an den Registry-Editor unter Windows erinnert. Ein Ausklappbaum auf der linken Fensterseite führt zu den Einstellungen des gesamten Desktops bis hin zu den Details einzelner Anwendungen.
In Form von Schlüsseln sind dort Optionen verschiedenen Typs gespeichert. Das können Dateinamen, beispielsweise für den Desktop-Hintergrund, Größenangaben oder komplexere Datentypen sein -- das hängt von den Vorgaben der jeweiligen Anwendungen ab.
Glücklicherweise sind Desktop-Benutzer nicht gezwungen, sich vollständig für eine Desktop-Umgebung und alle zugehörigen Anwendungen zu entscheiden. Es spricht nichts dagegen, ein KDE-Programm unter Gnome zu starten, der Unterschied äußert sich lediglich im Aussehen. Dank dem Freedesktop-Projekt [6] funktionieren in aktuellen Gnome- und KDE-Anwendungen sogar Spezialfunktionen wie das Andocken in der Systemleiste Desktop-übergreifend: Es hat einen Standard entwickelt, der solche Operationen vereinheitlicht.
Die Wahl einer Desktop-Umgebung bleibt natürlich Geschmackssache. Manche Benutzer stört es, unter KDE nach jeder Konfigurationsänderung auf OK klicken zu müssen, andere sind irritiert, dass Gnome sie selbst bei einem versehentlichen Klick sofort umsetzt. Einige bevorzugen den freien Blick auf alle möglichen Optionen, andere geben übersichtlichen Dialogfenstern eine höhere Priorität als der uneingeschränkten Konfigurierbarkeit.
Auch die Optik spielt natürlich eine entscheidende Rolle. Windows-Umsteiger werden unter KDE mehr Gemeinsamkeiten mit ihrer gewohnten Oberfläche finden. Gerade das kann aber irritieren, und das Gewohnte ist nicht immer das beste.
Ein Grund für die Popularität von Gnome insbesondere bei Firmen liegt im regelmäßigen Veröffentlichungszyklus für neue Versionen. Gnome bringt pünktlich alle sechs Monate eine neue Release heraus, und nur die Neuerungen, die zu diesem Zeitpunkt fertig sind, werden aufgenommen. Im März ist Gnome 2.14 erschienen, demnach kommt Ausgabe 2.16 im September heraus. Die KDE-Entwickler dagegen nehmen sich feste Ziele für die jeweils nächste Desktop-Version vor, und erst wenn sie diese erreicht haben, veröffentlichen sie. Für den privaten PC spielt dieser Punkt meist eine untergeordnete Rolle, Firmen dagegen haben mit Gnome eine höhere Planungssicherheit.
Die folgenden Seiten stellen die wichtigsten Standardanwendungen der beiden Desktop-Umgebungen vor und unterziehen sie einem Vergleich. (csc/amü)
| Infos |
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[1] Gnome: http://www.gnome.org
[2] XFCE: http://www.xfce.org [3] Enlightenment: http://www.enlightenment.org [4] Gnome-Art: http://art.gnome.org [5] Gnome-Look: http://www.gnome-look.org [6] Freedesktop: http://www.freedesktop.org |
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Last modified: 2007-04-05 11:24
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