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Hendrik Heuer
Worin unterscheiden sich die beiden großen Desktop-Umgebungen Gnome und KDE? Das ist eine Frage, an der sich die Geister scheiden und die Gemüter erregen. Natürlich haben beide Desktop-Umgebungen (aus der Sicht jedes Anwenders) subjektive Vor- und Nachteile. Die Entwickler beider Projekte passen ihre Software stets an die Bedürfnisse der Benutzer an und können mit gutem Recht von sich behaupten, vollwertige Umgebungen zu bieten.
Aber wo liegen die Unterschiede zwischen den beiden Umgebungen im Hinblick auf Anwendungen für E-Mail, Textbearbeitung, Instant Messaging, Audiowiedergabe und Bildbetrachtung? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, vergleichen wir jeweils ein KDE- und ein Gnome-Programm. Es geht dabei nicht darum, einen klaren Sieger zu ermitteln oder Ihnen eine der beiden Umgebungen zu empfehlen -- Sie sollen vielmehr einen kleinen Einblick in die Möglichkeiten der jeweiligen Programme erhalten, um auf dieser Basis das Programm zu wählen, das Ihre Anforderungen am besten erfüllt.
Im Bereich E-Mail stehen sich das KDE-Programm Kontact und sein Gnome-Pendant Evolution gegenüber. Kontact bündelt verschiedene Anwendungen aus KDE unter einer einheitlichen Oberfläche. Trotzdem lassen sich die Komponenten wie KMail, KAddressbook, KOrganizer, KNotes, Akregator und KNode auch weiterhin einzeln starten. Kontact und Evolution sind beide keine reinrassigen E-Mail-Programme, sondern vielmehr Sammlungen von Programmen zur Verwaltung persönlicher Daten wie E-Mails, Kontakte, Aufgaben und Termine. Sie sind zudem auf die Verwendung im Rahmen einer Groupware ausgelegt.
Die Unterstützung der wichtigsten E-Mail-Protokolle gehört bei den Kandidaten ebenso zum Funktionsumfang wie Importmechanismen, mit denen Sie Ihre Einstellungen und Daten aus anderen Programmen übernehmen. Zum Filtern unliebsamer Spam-Mails nutzen Kontact und Evolution externe Lösungen wie SpamAssassin. Um die Sicherheit zu erhöhen, ist es mit beiden Programmen möglich, Nachrichten zu verschlüsseln [1].
Der Umgang mit Mailinglisten und Usenet-Beiträgen gelingt beiden Anwendungen problemlos. Falls Sie einen PDA besitzen, sind außerdem die praktischen Synchronisationsfähigkeiten interessant, die Kontact und Evolution mitbringen.
Eine praktische Funktion, die mittlerweile beide Applikationen bieten, sind die virtuellen Suchordner: Dabei handelt es sich um nach bestimmten Kriterien zusammengestellte Sammlungen von E-Mails. Auf diese Weise erstellen Sie z. B. einen Ordner, der immer alle E-Mails enthält, die jünger als eine Woche sind. Da Kontact und Evolution die Sammlung dynamisch zusammenstellen, ist der Ordner stets aktuell.
Die Sortierung und Verwaltung der E-Mails erleichtern so genannte Filter. Mit Hilfe dieser Filter sortieren Sie ihre E-Mails schnell und einfach nach Regeln, die Sie aufstellen, um eine Vorauswahl zu treffen. So können Sie beispielsweise alle E-Mails eines bestimmten Absenders mit einer Markierung versehen, oder E-Mails, deren Betreff das Wort "Linux" enthält, in einen speziellen Ordner verschieben. Die Filter lassen sich außerdem beliebig kombinieren.
Kontact bietet neben der Unterstützung von E-Mails, Kontakten, Aufgaben und Terminen eine Reihe weiterer interessanter Anwendungen, wie einen Newsreader, ein Tagebuch, digitale Notizzettel und eine hilfreiche Übersicht, in der wichtige Termine, neue E-Mails, Geburtstage, Aufgaben und aktuelle Nachrichten kurz zusammenfasst werden.
Evolution integriert sich sehr gut in seine Umgebung. Das Programm fügt aktuelle Termine und laufende Aufgaben zum Beispiel in den Kalender der Taskleiste ein (Abbildung 2).
Die Text-Editoren KWrite und Gedit sind beide auf die einfache und schnelle Bearbeitung von Texten, Konfigurationsdateien und Skripten ausgerichtet. Bei beiden Programmen handelt es sich um einfache Text-Editoren, sie stehen also nicht in Konkurrenz zu Textverarbeitungen wie OpenOffice Writer und Microsoft Word. KWrite und Gedit bieten nur eine begrenzte Zahl an Formatierungs- und Exportmöglichkeiten.
Obwohl sich beide auf das Nötigste konzentrieren, haben sie jeweils eine komfortable Rechtschreibprüfung integriert. Mit KWrite und Gedit bearbeiten Sie jede Art von Textdatei schnell und einfach. Die Übersicht in HTML-Dokumenten und Quelltexten erleichtert eine integrierte Syntaxhervorhebung, die Schlüsselwörter farbig markiert.
KWrite bietet eine HTML-Exportfunktion, mit deren Hilfe Sie Ihre Texte bequem und schnell im Internet veröffentlichen. Gedit enthält eine Schnittstelle für Erweiterungen wie die Floskelliste, die eine Sammlung von nützlichen HTML- und LaTeX-Befehlen enthält.
Falls Sie mehrere Texte gleichzeitig öffnen, organisiert Gedit diese nach dem Tab-Prinzip, das Sie von Web Browsern wie Firefox schon kennen. KWrite hingegen öffnet für jeden Text ein separates Fenster. Der erweiterte KDE-Text-Editor Kate ermöglicht übrigens neben der Erweiterbarkeit durch Plug-ins auch die Anordnung mehrerer Dokumente als Tabs.
Hier beschreiben wir die Instant-Messaging-Programme Kopete (KDE) und Gaim (Gnome). Beide unterstützen zahlreiche Netzwerkprotokolle, die es ermöglichen, mit Benutzern der Dienste AIM (AOL), ICQ, IRC, Jabber, MSN und Yahoo zu kommunizieren.
Praktischerweise bewegen Sie sich mit Kopete oder Gaim problemlos in mehreren Netzwerken gleichzeitig und müssen nicht für jedes Protokoll ein eigenes Programm starten. In beiden Programmen können Sie Unterhaltungen in Log-Dateien speichern und die Gespräche verschlüsseln.
Mit Hilfe verschiedener Smilies lockern Sie die Gespräche auf, und eine automatische Rechtschreibprüfung unterstützt Sie beim Verfassen Ihrer Botschaften. Die Übersicht lässt sich bei beiden Programmen durch Tabs erhöhen, zusätzliche Funktionen binden Sie über Plug-ins ein.
Kopete hat bei der statistischen Auswertung der Informationen und Mitschnitte die Nase vorn, Gaim bietet (wie auch Evolution) eine bessere Integration in die Desktop-Umgebung.
Bei der Audiowiedergabe tritt das KDE-Programm Amarok gegen die Gnome-Anwendung Rhythmbox an. Mit diesen Programmen verwalten Sie Musikstücke in Bibliotheken, was das Durchsuchen des Repertoires erheblich beschleunigt. Beide beherrschen die Wiedergabe von Internet-Radio-Streams und den Import von Audio-CDs, und sie bieten ein Bewertungssystem.
Eine interessante Alternative zu herkömmlichen Verfahren sind die von Amarok und Rhythmbox unterstützten intelligenten Wiedergabelisten: Eine solche enthält keine feste Auswahl an Stücken, die gespielt werden sollen, sondern wählt die Stücke regelbasiert aus.
Rhythmbox beschränkt sich hier auf die grundlegenden Eigenschaften wie Interpret, Album, Genre und persönliche Bewertung. Unter Amarok ist es dagegen auch möglich, eine Abspielliste zu erstellen, die nur Lieder enthält, die mindestens zwei Minuten lang sind, zum Genre Jazz gehören und schon mindestens dreimal gespielt wurden.
Auch bei den Zusatzfunktionen bietet Amarok deutlich mehr als Rhythmbox: Zu jedem Album lässt sich ein Bild vom Cover hinzufügen oder aus dem Internet herunterladen. Amarok wertet die Hörgewohnheiten des Nutzers detailliert aus; es zeigt die Lieblingsstücke, die neuesten und die am seltensten gehörten Alben an.
Falls Sie mehr als nur mitsummen wollen, den Text aber nicht kennen, zeigt Amarok den Text zum gespielten Titel an (Abbildung 4). Möchten Sie mehr über den Interpreten des aktuellen Stückes erfahren, lädt Amarok den passenden Artikel aus der freien Enzyklopädie Wikipedia herunter. Anwender des Musik-Netzwerks Last.fm, das Nutzern die Entdeckung neuer, ihrem Geschmack entsprechender Musik vereinfacht, dürfen sich über eine gelungene Integration in Amarok freuen.
Im Bereich Bildbetrachtung stehen sich Gwenview (KDE) und Gthumb (Gnome) gegenüber. Beide Werkzeuge verbinden die Komponenten Bildbetrachter und Datei-Browser miteinander. Wie in den anderen Bereichen ähneln sich die Lösungen von KDE und Gnome stark.
Die Grundfunktionen eines Bildbetrachters beherrschen beide Programme sehr gut. Sie erlauben es, die Inhalte der Ordner als kleine Vorschaubilder oder als Diashow anzuzeigen. Bei der Integration von Zusatz-Features gehen die Entwickler unterschiedliche Wege: Bei Gthumb sind diese fest integriert, Gwenview setzt dagegen auf ein Plug-in-Modell, das auf den Namen KIPI (KDE Image Plug-in Interface) hört.
Mit beiden Programmen befreien Sie Ihre Bildersammlung schnell und einfach von Duplikaten. Außerdem ordnen Sie Bilder in Kategorien ein, um sie schnell und einfach wiederzufinden. Kleinere Veränderungen an den Bildern wie Transformationen, Skalierungen und Farbanpassungen sind auch integriert.
Hilfreiche Werkzeuge für den Alltag sind auch die Funktionen Format umwandeln und Mehrfach-Umbenennen, mit denen diese sonst mühsamen Vorgänge leicht von der Hand gehen. Es ist außerdem möglich, aus ausgewählten Bildern in wenigen Schritten eine Online-Galerie zu erstellen oder sie auf CD zu brennen.
Auch die Integration von Digitalkameras lässt keine Wünsche offen, Bilder werden in wenigen Schritten auf den Computer übertragen. Gerade Gwenview wartet dank KIPI mit vielen interessanten Zusatzfunktionen auf. Mit dem Plug-in MPEG-Präsentation erstellen Sie z. B. eine selbst ablaufende Präsentation für den DVD-Player. Die Erweiterung Kalender erstellen erzeugt einen ganz persönlichen Kalender.
Beide Desktop-Umgebungen liefern in den betrachteten Bereichen praxistaugliche Werkzeuge. Bei den Grundfunktionen gibt es keine großen Unterschiede zwischen KDE und Gnome.
Im Allgemeinen integrieren sich Gnome-Programme besser in ihre Umgebung, weshalb man als Gnome-Nutzer eher den Eindruck hat, ein System aus einem Guss zu benutzen. Auf der anderen Seite lässt KDE dem Nutzer mehr Freiheiten und liegt vor allem im Hinblick auf zusätzliche Features und Erweiterbarkeit weit vor Gnome. (mwe)
| Infos |
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[1] Artikel über GnuPG: Achim Leitner, "Verschluss-Sache", EasyLinux 10/2005, S. 46 ff., http://www.easylinux.de/2005/10/046-gpg/
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Last modified: 2007-04-05 11:24
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