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Erschienen in EasyLinux 05/2006   »   Ausgabe bestellen

Alternative grafische Oberflächen

Abseits des Mainstreams

Andrea Müller


Ein Desktop ohne Icons und Startleiste -- undenkbar? Nicht unter Linux! Neben KDE und Gnome gibt es viele weitere grafische Oberflächen, von denen dieser Artikel drei vorstellt.

Der erste Teil dieses Schwerpunkts hatte die großen Desktop-Umgebungen KDE und Gnome zum Thema. Abseits der beiden Rundum-Sorglos-Pakete mit Dutzenden von Anwendungen und Helferlein im Gepäck gibt es unter Linux auch andere Arbeitsoberflächen. Meistens handelt es sich nicht um Desktop-Umgebungen, sondern um einfache Fenster-Manager mit einigen Zusatzfunktionen.

Ein Fenster-Manager ist unter Linux das Herzstück der grafischen Oberfläche [1]. Ohne ihn wäre es nicht möglich, Fenster zu verschieben. Auch KDE und Gnome bringen einen eigenen Fenster-Manager mit: der von KDE heiß KWin, Gnome nutzt Metacity als Window Manager. Diese Programme kümmern sich nur um die Verwaltung der Anwendungsfenster auf dem Desktop. Hinter den zusätzlichen Features von KDE und Gnome, wie Icons auf dem Desktop und der Startleiste, stecken andere Programme, die gemeinsam mit dem Fenster-Manager eine Desktop-Umgebung aus einem Guss bilden.

Es lebe die Vielfalt

Linux-Einsteiger kommen unwillkürlich mit KDE oder Gnome in Kontakt -- je nachdem, welchen Desktop die Distribution standardmäßig installiert -- und fragen sich vielleicht, warum es noch so viele andere Oberflächen gibt und ob überhaupt jemand damit arbeitet, wenn doch die beiden großen Desktops alles an Funktionalität bieten, was man braucht. Die Antwort ist einfach: Viele Entwickler von Fenster-Managern haben sich mit ihrem Window Manager eine maßgeschneiderte Arbeitsumgebung programmiert und diese dann im Internet zum Download angeboten. Entweder gab es keine Oberfläche, die ihre Wünsche erfüllte, oder die vorhandenen Umgebungen erschienen ihnen zu langsam und überladen.

Der Grund dafür, dass einige erfahrene Linux-Nutzer einem Fenster-Manager gegenüber KDE und Gnome den Vorzug geben, liegt nicht allein darin, dass deren Computer für eine Desktop-Umgebung zu langsam wären: Oft haben sie aus Neugier und Experimentierfreude mehrere Arbeitsumgebungen ausprobiert und sind dann bei einer hängen geblieben. Der Artikel soll Ihnen KDE und Gnome nicht madig machen, sondern zeigen, was es außer den beiden Desktop-Umgebungen noch gibt, und Lust zum Ausprobieren machen. Kaputt geht dabei nichts: Sie wählen einfach eine andere Oberfläche im Anmelde-Manager aus und können dort auch KDE- und Gnome-Programme starten. Wollen Sie Ihren Ausflug in die Welt der Fenster-Manager wieder beenden, melden Sie sich ab und starten wieder Ihre gewohnte Arbeitsumgebung. Vielleicht gefällt Ihnen aber auch eine der vorgestellten Oberflächen so gut, dass Sie diese individuell gestalten und öfter damit arbeiten wollen.

Icewm

Der Window Manager Icewm [2] wurde mit dem Ziel entwickelt, Nutzern von Windows 95 den Umstieg auf Linux zu erleichtern (Abbildung 1). Die Fensterdekoration und die Startleiste präsentieren sich daher ganz im Look & Feel des Systems aus Redmond. Unter Mandriva Linux 2006 landet Icewm standardmäßig auf der Festplatte, Nutzer von Suse Linux installieren den Fenster-Manager im Software-Modul von YaST nach: Geben Sie dort icewm als Suchbegriff ein und installieren Sie das Paket aus der Trefferliste. Für Kubuntu Linux finden Sie Icewm und eine Installationsanleitung auf der Heft-CD.

Nachdem Sie den Fenster-Manager eingespielt haben, starten Sie ihn über das Sitzungsmenü im Anmelde-Manager. Wählen Sie dort IceWM und geben Sie danach wie gewohnt Ihren Benutzernamen und das Passwort ein. Nutzen Sie die automatische Anmeldung ohne Passwort, erreichen Sie den Login-Manager über Abmelden im K-Menü und Auswahl von Aktuelle Sitzung beenden im folgenden Dialog.

Abb. 1: Der Icewm-Desktop erinnert mit seiner Startleiste und Fensterdekoration optisch an Windows 95.

Icewm verblüfft KDE- und Gnome-Nutzer vermutlich schon zu Beginn mit seiner Startgeschwindigkeit. Ruckzuck ist der Desktop geladen, und dank der vertrauten Elemente fallen auch Einsteigern die ersten Schritte nicht schwer. Hinter dem linken Knopf in der Icewm-Leiste verbirgt sich das Startmenü. Nutzer von Mandriva Linux und Kubuntu finden dort das gewohnte Menü, Suse Linux integriert den Ordner SUSE ins Startmenü, über das Sie installierte Programme starten.

Im Startmenü ändern Sie über Motive auch das Aussehen von Icewm. Die vordefinierten Themes wechseln die Fensterdekoration und den Hintergrund aus und verpassen zusätzlich der Startleiste ein anderes Look & Feel. Das Menü erreichen Sie übrigens nicht nur über den Startknopf, sondern auch mit einen Rechtsklick auf eine freie Stelle des Desktops. Ein Klick auf den Button mit den übereinander liegenden Fenstern rechts neben dem Startknopf öffnet die Fensterliste, in der Sie schnell zwischen den laufenden Programmen hin- und herwechseln. Hinter den mit 1 bis 4 beschrifteten Schaltflächen verbergen sich die auch von KDE bekannten virtuellen Desktops. Der Rest der Startleiste bietet Platz für die Schaltflächen der geöffneten Fenster, und mit der Uhr auf der rechten Seite wissen Sie immer, wie spät es ist.

Das Verhalten von Icewm regelt die Datei preferences. Bei der Installation kopieren die Distributionen eine Vorlage in den Ordner /etc/X11/icewm, bei Mandriva Linux landet sie im Verzeichnis /usr/X11R6/lib/X11/icewm. Kopieren Sie diese Textdatei in den Ordner .icewm in Ihrem Home-Verzeichnis, den der Fenster-Manager beim ersten Start anlegt. Bei jeder dritten Zeile handelt es sich um Kommentare, die erklären, was der Eintrag in der folgenden Zeile bewirkt. Standardmäßig steht davor eine Raute (#) als Kommentarzeichen. Dieses müssen Sie entfernen, um die dahinter stehende Option anzupassen. Um beispielsweise den Eintrag TaskBarAutoHide=0 zu ändern, entfernen Sie die Raute am Anfang der Zeile und ändern die 0 in eine 1. Wenn Sie das nächste Mal Icewm starten, verschwindet die Startleiste automatisch, wenn Sie diese nicht benötigen. Sie erscheint erst dann wieder, wenn Sie den Mauszeiger an den unteren Bildschirmrand bewegen. Über diese Datei beeinflussen Sie nahezu jeden Aspekt des Icewm-Verhaltens. Um die Kommentare in der Datei zu verstehen, sind allerdings Englischkenntnisse Pflicht.

WindowMaker

Ein Klassiker unter den Fenster-Managern ist WindowMaker [3], den Benutzer von Suse Linux nicht einmal nachinstallieren müssen, da das Programm zur Standardinstallation gehört. Nutzer von Mandriva Linux finden WindowMaker auf den Installations-CDs, Kubuntu-Anwender spielen den "Fensterbauer" von der Heft-CD ein. Sie starten ihn über den Eintrag WindowMaker im Sitzungsmenü des Anmelde-Managers, und schon beim Start erwartet Sie die erste Überraschung: WindowMaker ist der optisch exotischste der in diesem Artikel vorgestellten Fenster-Manager.

Er bringt keine Startleiste mit, sondern nur das so genannte Dock -- mehrere quadratische Schaltflächen am rechten Bildschirmrand -- und den Clip, den Button in der linken oberen Ecke (Abbildung 2). Letzteres zeigt Ihnen, auf welchem Desktop Sie sich befinden. Im Dock gibt es drei Schaltflächen: Die erste zeigt bei einem Doppelklick Informationen zu WindowMaker an, die zweite startet ein Terminal-Fenster zur Befehlseingabe und die dritte mit den Werkzeugen öffnet das Konfigurationsmenü.

Abb. 2: WindowMaker mit dem Clip links und dem Dock rechts wirkt auf eingefleischte KDE-Nutzer anfangs ungewohnt.

Im Gegensatz zu vielen anderen Fenster-Managern passen Sie WindowMaker mit einem grafischen Tool an Ihre Bedürfnisse an. Über einen Klick auf eines der Symbole in der oberen Leiste wechseln Sie zu den einzelnen Abschnitten des Programms. Nicht alle Menüpunkte sind deutschsprachig, so dass Sie auch hier ein wenig Englischkenntnisse benötigen. Worum es in den Abschnitten geht, steht in der Titelleiste des Fensters. Unter Icon Preferences können Sie beispielsweise die Option 3D-Flipping aktivieren, damit WindowMaker Fenster mit einem Animationseffekt minimiert und wiederherstellt.

Für mehr virtuelle Desktops sorgen Sie unter Workspace Preferences. Setzen Sie dort ein Häkchen vor automatically create new workspaces (Abbildung 3), erzeugen Sie mit einem Klick auf den oberen Pfeil des Clips einen neuen virtuellen Desktop. Wichtig ist auch der Abschnitt Tastatur, den Sie mit einem Klick auf das entsprechende Bild erreichen. In der Liste Actions sind alle Aktionen, denen ein Tastaturkürzel zugeordnet ist, mit einem Häkchen versehen. Sobald Sie eine davon anklicken, sehen Sie das Kürzel im Eingabefeld Shortcut rechts im Fenster. Mit einem Klick auf Capture ändern Sie die Voreinstellung.

Die Arbeit auf dem Desktop ist nur anfangs ungewohnt. Trotz der fehlenden Startleiste bringt WindowMaker ein Menü mit, das Sie mit einem Rechtsklick auf den Desktop öffnen. Neben den installierten Programmen finden Sie dort auch den Befehl Run, der ein Schnellstartfenster öffnet. Damit starten Sie Anwendungen, indem Sie den Programmnamen eingeben, also etwa konqueror.

Sie minimieren Fenster mit einem Klick auf die linke Schaltfläche der Fensterleiste, woraufhin das Programm sich in die linke untere Ecke des Bildschirms verkrümelt. Ein Doppelklick auf dieses Icon stellt das Fenster wieder her. Gefällt Ihnen die Oberfläche nicht, probieren Sie einfach die vielen anderen mitgelieferten Stile aus: Sie erreichen diese über den Eintrag Appearance / Styles im Kontextmenü des Desktops.

Abb. 3: WindowMaker bringt ein grafisches Konfigurations-Tool mit, in dem Sie das Aussehen und Verhalten des Fenster-Managers einstellen.

Fluxbox

Fluxbox [4] schätzen viele Anwender, weil er nicht nur schnell und schlank, sondern auch hochgradig konfigurierbar ist. Nur bei Mandriva Linux und Suse Linux 9.3 befindet sich der Fenster-Manager auf den Installationsmedien. Nutzer von Kubuntu Linux und Suse Linux 10.0 spielen ihn von der EasyLinux-Heft-CD ein.

Am unteren Bildschirmrand von Fluxbox liegt die Werkzeugleiste, die eine Uhr und den Umschalter für die standardmäßig vier virtuellen Arbeitsflächen beherbergt (Abbildung 4). Zusätzlich dient sie als Icon-leiste für minimierte Fenster. Zum nächsten Desktop wechseln Sie entweder mit einem Klick auf eine der Pfeiltasten oder durch eine Drehung des Mausrads. Die Werkzeugleiste richten Sie über ihr Kontextmenü ein: So entscheiden Sie dort, wo sich die Leiste befinden soll und ob sie sich bei Nichtbenutzung automatisch ausblendet.

Abb. 4: In der Standardkonfiguration zeigt sich Fluxbox schlicht und aufgeräumt: Minimierte Fenster und andere Desktops erreichen Sie über die Werkzeugleiste am unteren Bildschirmrand.

Ein Menü erreichen Sie mit einem rechten Mausklick auf eine freie Stelle des Desktops. Hier patzt nahezu jede Distribution, da sie dort nicht die installierten Anwendungen einträgt, sondern zu einem Standardmenü greift. Abhilfe schafft das Fluxbox beiliegende Kommandozeilen-Tool fluxbox-generate_menu. Geben Sie diesen Befehl in einer KDE-Konsole ein, damit das Programm nach bekannten Anwendungen sucht und diese in die Datei menu im Ordner .fluxbox in Ihrem Home-Verzeichnis schreibt. Eventuell fehlende Anwendungen tragen Sie mit einem Text-Editor Ihrer Wahl ein: Es gibt in der Datei mehrere Abschnitte, die mit [submenu] beginnen und jeweils ein Untermenü des dahinter folgenden Namens definieren. Um einen Eintrag in ein Untermenü zu integrieren, etwa das KDE-Tool ksnapshot zum Erzeugen von Bildschirmfotos, fügen Sie unterhalb des Menüs einen Eintrag der Form

[exec] (KSnapShot) {ksnapshot}

ein. [exec] ist ein Schlüsselwort, an dem Fluxbox erkennt, dass dahinter der Menüeintragf für einen Befehl folgt. Der Eintrag in runden Klammern ist der Menüname, dahinter folgt der auzuführende Befehl in geschweiften Klammern. Kommandos, die Leerstellen enthalten, müssen Sie dabei nicht in Anführungszeichen schreiben.

Im Kontextmenü des Desktops finden Sie den Eintrag fluxbox menu. Dort legen Sie unter anderem Aussehen und Verhalten des Programms fest. Im Abschnitt System Styles gibt es über 20 vordefinierte Stile, mit denen Sie die Farben und die Fensterdekoration anpassen. Außerdem haben Sie dort Zugriff auf eine Liste der geöffneten Fenster aller Desktops, die Sie bequem per Mausklick ansteuern.

Ein besonders beliebtes Feature von Fluxbox ist, dass sich Anwendungsfenster gruppieren lassen. Um beispielsweise KMail und eine KDE-Konsole in einem Fensterrahmen unterzubringen, klicken Sie mit der mittleren Maustaste auf einen Fensterrahmen, ziehen ihn in das andere Fenster und lassen ihn dort los. Nun ist die Titelleiste des Fensters zweigeteilt, und per Mausklick oder [Alt-Tab] wechseln Sie zur nächsten Anwendung in diesem Fenster (Abbildung 5). Um die Fenster wieder zu trennen, klicken Sie mit der mittleren Maustaste auf den gewünschten Abschnitt der Titelleiste und ziehen ihn auf den Desktop.

Abb. 5: Unter Fluxbox kombinieren Sie mehrere Anwendungsfenster per Drag & Drop.

Noch mehr Auswahl

Selbst wenn Sie ein wenig mit allen hier vorgestellten Fenster-Managern herumgespielt haben, gibt es noch viele weitere zu entdecken. Leider liefern die Distributionen von den meisten Fenster-Managern keine Pakete mit, welche die Programme in die Auswahl des Anmelde-Managers integrieren. Wer trotzdem wissen will, welche Arbeitsumgebungen Linux noch zu bieten hat, findet unter [5] eine ausführliche Liste mit Fenster-Managern und Desktop-Umgebungen. Dort lernen Sie auch Exoten wie Ratpoison [6] kennen, welcher, wie der Name schon andeutet, der Ratte (Maus) den Kampf angesagt hat und sich komplett über die Tastatur steuern lässt, und Fenster-Manager, die ein ganz anderes Konzept verfolgen, wie etwa Ion [7], der standardmäßig Anwendungen nicht in Fenstern organisiert, sondern den Bildschirm in beliebig viele Rahmen aufteilt (Abbildung 6).

Abb. 6: Das rahmenbasierte Konzept von Ion hat den Vorteil, dass man immer alle Fenster im Blick hat.

Selbst wenn solche Programme wohl die meisten Benutzer nicht dazu verleiten, KDE und Gnome untreu zu werden, macht es trotzdem Spaß, die Oberflächenvielfalt unter Linux zu erkunden und neue Anwendungen kennenzulernen. (amü)

Infos
[1] Artikel über das X Window System: Marcel Hilzinger, "Hinter den Kulissen", EasyLinux 05/2005, S. 60 f.
[2] Icewm-Artikel: Andrea Müller, "Jungbrunnen aus Eis", Linux User 02/2003, S. 62 f., http://www.linux-user.de/ausgabe/2003/02/062-desktopia/index.html
[3] WindowMaker-Artikel: Joachim Moskalewski, "Fensterbauer", LinuxUser 09/2000, S. 64 ff., http://www.linux-user.de/ausgabe/2000/09/064-desktopia/wmaker.html
[4] Fluxbox-Artikel: Andrea Müller, "Schlank, schnell und praktisch", LinuxUser 05/2004, S. 60 ff.
[5] Seite über Fenster-Manager: http://www.xwinman.org/
[6] Ratpoison: http://www.nongnu.org/ratpoison/
[7] Ion-Artikel: Andrea Müller, "Fliesenleger", LinuxUser 10/2003, S. 68 ff.

Software zum Artikel auf CD: Icewm und WindowMaker für Kubuntu Linux, Fluxbox für Kubuntu Linux und Suse Linux 10.0

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