claim.gif
Linux Magazin Linux User Easy Linux Ubuntu User International Linux Community
Erschienen in EasyLinux 05/2006   »   Ausgabe bestellen

Linux auf alten Rechnern

Flotter Pinguin auf lahmen Enten

Heike Jurzik


Der Rechner hat schon einige Jährchen auf dem Buckel und staubt leise in der Ecke vor sich hin -- ein älterer Prozessor und wenig Arbeitsspeicher verhindern den Betrieb moderner Distributionen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie den betagten Computern trotzdem sinnvoll einsetzen.

Linux und alte Hardware -- zwei Welten treffen aufeinander? Moderne Distributionen mit grafischem Installer sorgen zugegebenermaßen für wenig Freude auf langsamen PCs. Auch Desktop-Umgebungen wie KDE und Gnome überfordern Rechner der älteren Generation sehr häufig. Dennoch ist das kein Grund, diese zu entsorgen -- die richtigen Linux-Distributionen machen auch aus lahmen Enten flotte Pinguine.

Die Qual der Wahl

Abhängig davon, was unter der Haube werkelt, kommen verschiedene Linux-Distributionen in Frage. Der Kasten Rechner älterer Generationen stellt verschiedene Modelle vor und gibt Empfehlungen, welcher Pinguin sich auf welcher Hardware zu Hause fühlt. Bringt die gewünschte Distribution lediglich einen ressourcenhungrigen grafischen Installer mit, ist sie für ältere Rechner oft ungeeignet, die meisten Systeme bieten jedoch auch eine textbasierte Installation an. Debian verzichtet nach wie vor ganz auf grafische Setups.

Rechner älterer Generationen

Abhängig von der Austattung des Rechners eignen sich verschiedene Distributionen mehr oder weniger gut, um dem alten Rechner mit Linux neues Leben einzuhauchen:

i486 (80486), Baujahr 1990 bis 1995

  • CPU: i386/i486 (80386/80486), ca. 50 bis 100 MHz
  • Hauptspeicher: 8 bis 16 MByte
  • Festplatte: 200 bis 500 MByte
  • Bus-System: ISA, VESA, (PCI)
  • Grafik: 1 bis 4 MByte ISA oder PCI

Moderne Distributionen erfordern selbst in der kleinstmöglichen Installations-Variante einen minimalen Festplattenplatz von 1 GByte oder mehr. Diverse automatisch gestartete Dienste benötigen darüber hinaus auch ohne eine grafische Oberfläche einen minimalen Hauptspeicherplatz von 30 bis 50 MByte. Deswegen eignen sich Rechner dieser Generation ausschließlich für Mini-Distributionen, wie z. B. Damn Small Linux [1] (auch auf der Heft-CD dieser Ausgabe). Als alternatives Desktop-System bietet sich darüber hinaus Puppy Linux [2] an. Der beste Einsatzzweck für solche Hardware wäre jedoch zweifellos ein kleiner Server oder Router auf der Basis von fli4l [3] oder eisfair [4].

Pentium, Baujahr 1994 bis 1997

  • CPU: Pentium, ca. 60 bis 233 MHz
  • Hauptspeicher: 32 bis 128 MByte
  • Festplatte: 500 MByte bis 2 GByte
  • Bus-System: PCI, ISA, VESA,
  • Grafik: 8 bis 32 MByte PCI oder ISA

Rechner dieser Generation sind zwar noch nicht ausreichend für den Einsatz moderner Linux-Systeme ausgestattet, jedoch lassen sich ältere Distributionen, wie Suse Linux 6.0 oder Red Hat 6.2, meist problemlos darauf installieren. Geschwindigkeitswunder dürfen Sie jedoch auch mit diesen Distributionen nicht erwarten -- zu groß war schon damals der Ressourcenhunger der grafischen Arbeitsumgebungen KDE und Gnome. Alternativ empfiehlt sich der Einsatz schlankerer Oberflächen wie IceWM, die deutlich weniger Rechenleistung und Speicher benötigen. Auch hier ist der Einsatz einer Mini-Distribution wie Damn Small Linux ratsam, zumal es für ältere Distributionen kaum noch aktuelle Software oder Updates gibt.

Pentium II, Baujahr 1997 bis 2001

  • CPU: Pentium II, ca. 233 bis 1.400 MHz
  • Hauptspeicher: 64 bis 256 MByte
  • Festplatte: 4 GByte bis 20 GByte
  • Bus-System: PCI, AGP
  • Grafik: 16 bis 64 MByte PCI oder AGP

Computer mit dieser Ausstattung sind mit Einschränkungen auch für den Betrieb aktueller Distributionen geeignet. Damit das Arbeiten nicht zur Geduldsprobe wird, sollte der Rechner jedoch mit mindestens 128 MByte Arbeitsspeicher und einer 500-MHz-CPU ausgestattet sein. Liegen die Werte Ihres Rechners darunter, eignen sich Distributionen wie Suse Linux bis Version 8.0, die dem Alter des Computers entsprechen, besser. Ebenfalls sollten Sie dann auf Performance-Killer wie KDE verzichten und stattdessen besser Gnome als grafische Arbeitsumgebung verwenden.

Auch nach der erfolgreichen Installation steht im Falle eines älteren Rechners der schonende Umgang mit den Ressourcen im Vordergrund -- anstelle aufwendiger Desktop-Umgebungen wie KDE oder Gnome lohnt sich ein Blick auf einen schlanken Window Manager. Informationen und weiterführende Links zu diesem Thema bietet die Web-Seite unter [5].


Window Manager: Der Fenster-Manager kümmert sich um das Verwalten von Programmfenstern, d. h. er zeichnet einen Rahmen für die Fenster, verwaltet Maus- und Tastatureingaben. Im Gegensatz zu einer Desktop-Umgebung wie KDE bietet ein Fenster-Manager aber keine Zusatzprogramme und einheitliche Handhabung für die zahlreichen Anwendungen. Einfluss auf die Funktionalität der installierten Programme hat dies nicht -- lediglich Look & Feel unterscheiden sich.

Testen, was geht -- Damn Small Linux

Die ideale Grundlage, um das Potential des alten Rechners auszutesten, sind Live-Systeme wie Knoppix, Kanotix oder Damn Small Linux (DSL). Letzteres befindet sich in Version 2.2b auf der Heft-CD dieser EasyLinux-Ausgabe und eignet sich besonders gut für den Einsatz auf altersschwachen Maschinen. Die nur 50 MByte kleine, auf Debian basierende Distribution läuft auch auf Rechnern mit 486er-Prozessoren und 16 MByte Arbeitsspeicher. DSL verrichtet nicht nur als Live-System gute Dienste -- mit wenigen Handgriffen installieren Sie die Distribution auf der Festplatte.

Sofern Ihr Computer in der Lage ist,von CD-ROM zu booten, legen Sie die Heft-CD ein und starten den Rechner neu. Alternativ lesen Sie in Kasten Damn Small Linux von Floppy starten, wie Sie eine Boot-Diskette erstellen und das System damit booten. Stellen Sie sicher, dass im BIOS ("Basic Input Output System") die Boot-Reihenfolge richtig eingestellt ist: Das First Boot Device sollte CDROM anzeigen, als Second Boot Device geben Sie die Festplatte (HDD-0) an. Nach kurzer Zeit sehen Sie den Startbildschirm und den Boot-Prompt (Abbildung 1).

Damn Small Linux von Floppy starten

Bootet der Rechner nicht von CD-ROM, erstellen Sie mit den folgenden Schritten eine Boot-Diskette:

  1. Gehen Sie zur DSL-Download-Seite [6] und laden Sie von einem der dort genannten Mirror die Datei bootfloppy.img herunter.
  1. Um eine solche Diskette unter Windows zu erstellen, benötigen Sie das Programm RawWrite; eine Anleitung und das Tool selbst finden Sie unter [7]. Unter Linux schreiben Sie das Image mit einem Kommandozeilenbefehl auf die Diskette:
    dd if=bootfloppy.img of=/dev/fd0

Anschließend starten Sie den Rechner mit eingelegter Diskette neu. Stellen Sie dabei im BIOS die richtige Boot-Reihenfolge ein, so dass der Rechner erst auf der Diskette nach einem Betriebssystem sucht und dann auf der CD.

Abb. 1: Mit der Eingabe von Cheat-Codes am Boot-Prompt steuern Sie unter anderem das Startverhalten des Systems.

Wie bei anderen Live-Distributionen steuern Sie den Systemstart über so genannte Cheatcodes, optionale Boot-Parameter, die Sie am Prompt boot: eingeben -- Kombinationen sind möglich. Drücken Sie die Taste [F2] bzw. [F3], um eine Auflistung der Befehle zu erhalten; die Tabelle DSL--Cheatcodes fasst die wichtigsten zusammen.

DSL-Cheatcodes
dsl lang=us (cs, da, de, es, fr, nl, it, pl, ru, sk, ...)Schaltet die Sprache/das Tastatur-Layout um, z. B. dsl lang=de, um auf Deutsch umzuschalten.
dsl toramLädt die gesamte Distribution in den Arbeitsspeicher; dazu sind mindestens 128 MByte RAM erforderlich.
dsl tohd=/dev/hda1Kopiert die gesamte CD auf eine Festplattenpartition (in diesem Fall /dev/hda1) und startet das System anschließend von dort.
dsl restore=sda1 (hda1, floppy)Bindet beim Systemstart die gespeicherte Konfiguration ein.
dsl fromhd=/dev/hda1Bootet DSL von der angegebenen Partition.
dsl dmaAktiviert DMA ("Direct Memory Access").
dsl 2Startet das System im Runlevel 2 (= Textmodus).

Zum Einsatz bereit

Nach kurzer Zeit begrüßt Sie der DSL-Desktop; für den Fensterschmuck ist der Window Manager Fluxbox verantwortlich (Abbildung 2). Mehr zu dieser schlanken Oberfläche lesen Sie im Artikel Abseits des Mainstreams ab Seite 38 dieser Ausgabe. Gefällt Ihnen das Look & Feel von Fluxbox nicht, schalten Sie auf Joe's Window Manager (JWM) um, indem Sie mit der rechten Maustaste auf den Desktop klicken und aus dem Kontextmenü Window Manager / Switch to jwm wählen.

Abb. 2: Auf flinken Füßen -- Damn Small Linux setzt auf Fluxbox als Window Manager.

Auf dem Desktop finden Sie mehrere Icons, die als Shortcuts zu den installierten Anwendungen dienen. Weitere Programme finden Sie im Kontextmenü der rechten Maustaste, wenn Sie auf eine freie Stelle des Hintergrunds klicken. Als letzten Eintrag in diesem Menü sehen Sie den Punkt Power Down, über welchen Sie den Rechner neu starten bzw. ausschalten.

Ein Root-Passwort ist standardmäßig nicht gesetzt; auf der Shell erlangen Sie Administratorrechte, indem Sie

sudo su

tippen oder einfach sudo den Kommandos voranstellen, die Sie als Root ausführen wollen. Die meisten administrativen Aufgaben erledigen Sie unter Damn Small Linux jedoch bequem per Mausklick: Hinter dem Symbol DSLpanel versteckt sich ein Front-end, über das Sie verschiedene Einrichtungsmöglichkeiten erreichen: Hier konfigurieren Sie z. B. die Netzwerkkarte, eine Internet-Verbindung, das Tastatur-Layout, Datum und Uhrzeit, WLAN- oder PCMCIA-Karten, aktivieren den SSH-Server und vieles mehr (Abbildung 3). Wenn Sie hier etwas vermissen, sollten Sie einen Blick ins Menü System werfen, das Sie ebenfalls über Rechtsklick auf den Hintergrund erreichen.

Abb. 3: Über das "DSLpanel" erreichen Sie die wichtigsten Einrichtungsmöglichkeiten.

Ebenso leicht gestaltet sich die nachträgliche Installation fehlender Komponenten, wenn Sie mit dem Internet verbunden sind. Klicken Sie auf das Icon MyDSL und wählen Sie aus den angebotenen Kategorien die gewünschte Anwendung aus. Nach dem Download finden Sie diese im Menü mydsl, das ein Rechtsklick auf den Hintergrund zum Vorschein bringt.

Bleibende Werte

Um die eigenen Einstellungen zu sichern, starten Sie das DSLpanel und wählen den Punkt Backup/Restore. Ins aufgehende Dialogfenster geben Sie den Namen der Gerätedatei ein, z. B. fd0 für das erste Diskettenlaufwerk, sda oder sda1 für einen USB-Stick, hda1 für eine Festplattenpartition usw., und klicken auf Backup. Standardmäßig sichert das System einige Unterordner von /opt und das eigene Home-Verzeichnis. Festgelegt ist dieses Verhalten in der Datei /home/dsl/.filetool.lst; Daten, die vom Backup automatisch ausgeschlossen werden, stehen hingegen in /home/dsl/.xfiletool.lst. Um das Backup schon beim Booten wieder einzuspielen, geben Sie als Cheatcode dsl restore= gefolgt vom Namen des Geräts, auf dem sich das Backup befindet, ein oder starten aus dem DSLpanel erneut Backup/Restore. Geben Sie auch hier das Gerät an und klicken Sie anschliesend auf Restore.

Um Damn Small Linux auf der Festplatte zu installieren, benötigen Sie mindestens eine Swap- und eine Linux-Partition. Der Artikel unter [8] sowie das englischsprachige Wiki unter [9] erklären im Detail die Vorbereitung und Installation. Das eigentliche Einspielen von Damn Small Linux erledigen Sie auf einem von mehreren Wegen: Geben Sie entweder beim Start als Cheatcode install hinter dem Boot-Prompt an oder starten Sie den Installations-Assistenten des gestarteten Systems mit der Eingabe von

sudo dsl-hdinstall

in einem Terminal-Fenster. In beiden Fällen beantworten Sie Fragen zur gewünschten Partition, ob das System mehrere Benutzer-Accounts beherbergen soll und ob ext3 als Dateisystem zum Einsatz kommen soll. Sind Sie sich sicher, beantworten Sie die letzte Sicherheitsabfrage mit [Y] (Abbildung 4). Es folgen weitere Fragen zum Bootloader (hier haben Sie die Wahl zwischen Grub und Lilo) und Informationen über den Fortschritt, anschließend fordert der Installer zum Reboot auf -- fertig.

Abb. 4: Das Installations-Skript hilft beim Einrichten der Distribution auf der Festplatte.

Fazit

Alte Rechner haben durchaus ihre Daseinsberechtigung, auch wenn sie für den Betrieb moderner Distributionen nicht geeignet sind. Was zählt, ist die Wahl des richtigen Betriebssystems, das der Leistung des Rechners entspricht. Kann man auf aufwendig gestaltete Arbeitsoberflächen wie KDE oder Gnome verzichten, steht dem Einsatz kleiner, aber leistungsfähiger Distributionen wie Damn Small Linux nichts mehr im Wege. (tle)

Infos
[1] Damn Small Linux: http://www.damnsmalllinux.org/
[2] Puppy Linux: http://www.puppylinux.org
[3] fli4l-Homepage: http://www.fli4l.de/
[4] Eisfair-Projekt:http://www.eisfair.org
[5] Übersicht über verschiedene Window Manager für Linux: http://xwinman.org/
[6] DSL-Download-Seite: http://www.damnsmalllinux.org/download.html
[7] RawWrite für Windows: http://uranus.it.swin.edu.au/~jn/linux/rawwrite.htm
[8] Damn-Small-Linux-Artikel: Thomas Leichtenstern, "Verdammt, ist die klein -- Damn Small Linux auf Live-CD", LinuxUser 01/2006, S. 10 ff., http://www.linux-user.de/ausgabe/2006/01/010-dsl/
[9] DSL-Wiki: http://www.damnsmalllinux.org/wiki/

Dieser Online-Artikel kann Links enthalten, die auf nicht mehr vorhandene Seiten verweisen. Wir ändern solche "broken links" nur in wenigen Ausnahmefällen. Der Online-Artikel soll möglichst unverändert der gedruckten Fassung entsprechen.

Druckerfreundliche Version | Feedback zu dieser Seite | Datenschutz | © 2016 COMPUTEC MEDIA GmbH | Last modified: 2007-04-05 11:24

Nutzungsbasierte Onlinewerbung

[Linux-Magazin] [LinuxUser] [Linux-Community] [Admin-Magazin] [Ubuntu User] [Smart Developer] [Linux Events] [Linux Magazine] [Ubuntu User] [Admin Magazine] [Smart Developer] [Linux Magazine Poland] [Linux Community Poland] [Linux Magazine Brasil] [Linux Magazine Spain] [Linux Technical Review]