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Erschienen in EasyLinux 08/2006   »   Ausgabe bestellen

Schach spielen unter Linux

Scid schlägt Fritz

Thomas Hümmler


Wer Scid hat, kann Fritz schreddern. Scid ist Schachdatenbank und -spiel in einem. Und das Beste: Es läuft unter Linux. Mit Hilfe dieser Software steigern Sie Ihr Können im königlichen Brettspiel.

Wer Schach spielt, kennt Fritz, das unter Windows am häufigsten benutzte Schachprogramm. Es hat schon gegen die Weltmeister Garri Kasparow und Wladimir Kramnik Unentschieden gespielt. Gegen Fritz kann man aber nicht nur spielen, sondern die Anwendung bringt auch noch ein Analysemodul mit. Wer unter Linux ein ähnlich umfangreiches Schachprogramm sucht, stößt unmittelbar auf Shredder. Die Anwendung ist fast so bekannt wie Fritz und hat schon einige Weltmeistertitel beim Computer-Blitzschach (mit fünf Minuten Bedenkzeit pro Spieler) gewonnen. Allerdings bietet die Linux-Version nicht alle Features, die es unter Windows gibt.

Trotz dieses Mankos müssen Sie unter Linux nicht auf starke Computergegner verzichten. Zum reinen Schachspiel gibt es viele freie Programme wie beispielsweise Xboard, Knights, gnome-chess und das grafisch beeindruckende 3D-Programm glchess. Wollen Sie Partien aber nicht nur spielen, sondern auch analysieren, ist Shane's Chess Information Database, kurz Scid [1], erste Wahl.

Scid ist eine Schachdatenbank, mit deren Hilfe man Partiesammlungen durchsuchen und Schachpartien bearbeiten und analysieren kann. Auch wer nur spielen möchte, kann das gegen Scid tun. Das für Computerschachpartien übliche Dateiformat PGN (Portable Game Notation; übertragbare Spielnotation) kann Scid lesen und schreiben; es nutzt aber intern ein kompakteres und schnelleres Format. Insgesamt können vier Datenbanken mit unterschiedlichen Partien gleichzeitig geöffnet sein. Das Scid-Hauptfenster mit dem Schachbrett zeigt dabei alle Details der aktuellen Partie.

Installation

Wer mit Suse Linux 10.0 arbeitet, spielt Scid von der Installations-DVD ein. Starten Sie dazu über System / Kontrollzentrum (YaST) das Konfigurations-Tool der Distribution und klicken Sie im Abschnitt Software auf Software installieren oder löschen. Suchen Sie nach scid und markieren Sie den Treffer in der rechten Fensterhälfte. Mit Übernehmen starten Sie die Installation. YaST kopiert die Software auf die Festplatte und bringt die Konfigurationsdateien auf den neuesten Stand.

Anwender von Suse Linux 10.1, Mandriva Linux und Kubuntu installieren Scid von der Heft-DVD. Wer mit Mandriva Linux arbeitet, hält dabei die Distributions-CDs bereit, da Scid die Pakete libtcl8.4 und libtk8.4 benötigt, die nicht zum Umfang der Standardinstallation gehören.

Um mit Scid gegen wirklich starke Gegner anzutreten, sollten Sie zusätzlich noch eine Schach-Engine installieren. Diese berechnet die Züge des Computergegners. Scid bringt zwar mit scidlet eine solche mit, die jedoch ziemlich leicht zu schlagen ist. Mit Crafty und Phalanx finden Sie auf den Distributions-CDs bessere Alternativen.

Eröffnung

Sie starten die Software über ein mit [Alt-F2] geöffnetes Schnellstartfenster, in das Sie scid eingeben. Beim ersten Start erzeugt das Programm den versteckten Ordner .scid in Ihrem Homeverzeichnis mit weiteren Unterordnern für Konfigurations- und andere Dateien. In der Standardeinstellung präsentiert sich das Programm mit englischen Menüs, was Sie jedoch schnell ändern: Über Options / Language / Deutsch schalten Sie die Sprache der Schachdatenbank um. Damit Scid sich die Einstellung merkt, sichern Sie diese über Optionen / Optionen speichern.

Eventuell erhalten Sie beim ersten Aufruf eine Fehlermeldung, weil Scid die Datei scid.eco nicht findet. Diese enthält die Klassifizierungen der Partieeröffnungen nach der ECO, der "Enzyklopädie der Schacheröffnungen" (Encyclopedia of Chess Openings"). Das Programm sucht die Datei im Verzeichnis /usr/local/share/scid. Bei der Installation von Distributionspaketen liegt sie aber im Ordner /usr/share/scid. Das richtige Verzeichnis jubeln Sie Scid über Optionen / ECO-Datei laden unter: Navigieren Sie im Dateiauswahldialog in den Ordner /usr/share/scid, markieren Sie dort die Datei scid.eco und klicken Sie auf Öffnen. Anschließend wählen Sie wieder Optionen / Optionen speichern, damit Scid die Datei künftig automatisch lädt.

Die eco-Datei benötigen Sie, um Partien auszuwerten. Mit Fenster / ECO-Auswertung sehen Sie die Häufigkeit und Erfolgsrate der Eröffnungen in der aktuellen Datenbank. Im oberen Teil des Fensters zeigen die Balken die Zahl der Weißsiege, der Remis und die Zahl der Schwarzsiege. So erkennen Sie sofort, wie erfolgreich eine bestimmte Eröffnung ist.

Spiel der Könige

Das Hauptfenster von Scid zeigt die Stellung der aktuellen Partie und liefert zusätzliche Informationen (Abbildung 1). Direkt oberhalb des Schachbretts stehen Symbole, mit denen Sie durch die Partie navigieren. Sie können zugweise vor- und zurückgehen, zum Anfang oder Ende der Partie wechseln, Varianten bearbeiten, sich die Partie vorspielen lassen, Ideen testen und einige Anzeigeoptionen ein- oder ausschalten. Welche Funktionen sich hinter den Symbolen verbergen, sehen Sie in der Statusleiste, sobald Sie die Maus über ein Icon bewegen.

Abb. 1: Das Hauptfenster von Scid zeigt die Stellung der aktuellen Partie und weitere Informationen zum Spiel an.

Lassen Sie sich eine Partie automatisch vorspielen, zeigt Scid nach fünf Sekunden den nächsten Zug an. Mit [Strg-Z] starten oder stoppen Sie das Spiel, [Esc] beendet es. Möchten Sie die Zeit zwischen zwei Zügen ändern, wählen Sie Optionen / Züge / Autom. Vorspielen aus dem Menü und tragen im folgenden Dialog eine andere Zeit ein. Interessant ist in dem Zusammenhang auch die folgende Möglichkeit: Starten Sie das automatische Vorspielen bei geöffnetem Analysefenster (nach Werkzeuge / Analyse-Engine), wird die von der Schach-Engine berechnete Fortsetzung jedem Zug als Variante hinzugefügt. So entsteht aus einem Spiel schnell eine Partie mit komplettem Variantenbaum.

Unterhalb des Schachbretts befindet sich der Informationsbereich. Hier stehen in den ersten drei Zeilen Informationen zu den Spielern, das Ergebnis, der ECO-Code sowie Datum, Ort und Wettkampf. In der vierten Zeile zeigt das Programm den aktuellen und den nächsten Zug an. Den ECO-Code der aktuellen Stellung finden Sie in der untersten Zeile, allerdings nur, wenn die Stellung noch in der ECO-Datei enthalten ist.

Über das Kontextmenü des Informationsbereichs entscheiden Sie, welche Daten Scid einblenden soll, und setzen bzw. löschen Markierungen für eine Partie. Das Kontextmenü erreichen Sie entweder mit einem Rechtsklick in den Informationsbereich oder mit [F9]. Um es ohne Auswahl eines Eintrags wieder zu schließen, drücken Sie [Esc].

Ganz unten im Fenster blendet Scid Statusmeldungen ein, die Details über die aktuelle Datenbank verraten. Links zeigt Scid den Status einer Partie, der auf XX steht, wenn Sie ein Spiel geändert, aber noch nicht gespeichert haben. Zwei Minuszeichen (--) signalisieren, dass Sie nichts geändert haben, und zwei Prozentzeichen (%%) weisen Sie darauf hin, dass die geöffnete Datenbank schreibgeschützt ist.

PGN-Partien importieren

PGN-Dateien und -Partiesammlungen finden Sie im Internet zuhauf. Geben Sie in eine Suchmaschine nur den Begriff PGN und den Veranstaltungsort eines Schachturniers ein (etwa "Biel", "Dortmund", "Linares" oder "Wijk aan Zee"), schon erscheinen jede Menge Seiten, von denen Sie die Daten herunterladen können. PGN-Dateien können Sie über Datei / Öffnen direkt in Scid laden, allerdings öffnet das Programm sie dann mit einem Schreibschutz, so dass Sie keine eigenen Varianten, Kommentare und andere Dinge sichern können.

Wollen Sie mit den Partiedaten richtig arbeiten, müssen Sie die PGN-Datei in eine bestehende Datenbank importieren. Dazu legen Sie zunächst mit Datei / Neu eine an; eventuell wechseln Sie zuvor mit Datei / Datenbank wechseln zu einer leeren. In die Datenbank importieren Sie danach entweder einzelne Partien, die in PGN-Notation vorliegen, oder Partiesammlungen im PGN-Format. Die entsprechenden Befehle finden Sie im Menü Werkzeuge.

Mit Eine PGN-Partie importieren öffnen Sie einen Dialog, in den Sie die Partiedaten einfügen. Das können zum Beispiel Daten sein, die Sie auf einer Schach-Internet-Seite finden. Markieren Sie ganz einfach die gesamte Partie und kopieren Sie diese mit einem Klick der mittleren Maustaste in den oberen Rahmen des Import-Dialogs. Wenn dort Header-Einträge wie [Event ...] vorhanden sind, die weitere Informationen wie den Veranstaltungsort einer Partie enthalten, importiert Scid diese mit (Abbildung 2). Es ist aber auch möglich, nur Partiefragmente wie 1.e4 e5 2.Bc4 Bc5 3.Qh5?! Nf6?? 4.Qxf7# 1-0 einzugeben. Anschließend klicken Sie auf die Schaltfläche Importieren (Alt-I). Mit Leeren (Alt-C) löschen Sie den Inhalt aus dem Rahmen, mit Schließen verlassen Sie das Importfenster.

Über Werkzeuge / Datei mit PGN-Partien importieren laden Sie auf einen Schwung eine Sammlung mehrerer Partien im PGN-Format in Scid. Wählen Sie im folgenden Dialog eine PGN-Datei aus und klicken Sie auf Öffnen, um die Partien in die neu angelegte Datenbank einzulesen.

Abb. 2: Eine einzelne Partie fügen Sie in Scid ein, indem Sie diese in den Importdialog kopieren und dann auf "Importieren" klicken.

Analysieren und Spielen

Scid hat mehrere Werkzeuge, mit denen Sie Partien analysieren und bewerten können. Das Analysefenster öffnen Sie mit Werkzeuge / Analyse-Engine. Es zeigt die Analyse der aktuellen Brettstellung durch ein Schachprogramm oder eine Schach-Engine (Abbildung 3). Sobald sich die Stellung ändert, meldet Scid die neue Position an die Engine, die wiederum die neue Stellung beurteilt. Die Auswertung erfolgt aus der Sicht des Weiß-Spielers. Wird Schwarz besser beurteilt, steht ein Minus vor dem Score. Im Bereich mit dem Scrollbalken sehen Sie den Verlauf der Auswertungen.

Abb. 3: Im Analysefenster berechnet das Programm Zugvarianten aus der Sicht von Weiß aufgrund der Stellung auf dem Brett.

Scid selbst liefert Scidlet als Schach-Engine mit, Sie können aber auch andere Programme wie crafty oder phalanx mit Scid benutzen. Für jede Engine müssen Sie die aufzurufende Programmdatei angeben und das Verzeichnis, in dem Scid sie starten soll. Das Startverzeichnis ist der Ordner, aus dem Scid heraus das Programm aufruft. Da dabei einige Dateien erstellt werden, müssen Sie in diesem Ordner Schreibrechte besitzen. Damit alles funktioniert, tragen Sie als Startverzeichnis beispielsweise den Ordner /home/ihr_benutzername/.scid ein, in dem die Schachdatenbank Ihre Einstellungen speichert.

Wer sich mehr für das Spiel als für die Analyse von Partien interessiert, ist bei Scid ebenfalls an der richtigen Adresse: Schalten Sie dazu im Analysefenster die Option Training ein und legen Sie im folgenden Dialog die Bedenkzeit für die Schach-Engine fest. Über Partie / Neue Partie starten Sie das Spiel. In diesem Modus zeigt Scid keine Analyse-Ergebnisse an.

Haben Sie Ihre Partie -- hoffentlich siegreich -- beendet, können Sie diese kommentieren lassen. Dazu gehen Sie zum Anfang der Partie und aktivieren im Analysefenster die Option Autom. kommentieren. Daraufhin öffnet sich ein weiterer Dialog, in dem Sie festlegen, anstelle welcher Spielzüge Scid Varianten ausprobieren soll. Das Programm wechselt dann in den Autoplay-Modus und fügt die beste Variante mit Stellungsbewertung zu jedem Zug hinzu. Die Stellungen kommentiert es vom aktuellen Zug bis zum Ende der Partie oder bis Sie den Autoplay-Modus verlassen. Das ist praktisch, wenn Sie auf Kommentare zur Eröffnungsphase verzichten wollen und nur einen besonders kniffeligen Abschnitt einer Partie analysieren möchten.

Eröffnungsberichte und Figurenverteilung

Scid hat weitere interessante Funktionen wie den Eröffnungsbericht und die Figurenverteilung. Um eine Statistik über eine bestimmte Eröffnung zu erhalten, ziehen Sie in einer geöffneten Datenbank in einer neuen oder vorhandenen Partie zunächst bis zur gewünschten Eröffnungsposition -- zum Beispiel "1. e4 c5" für die Sizilianische Verteidigung -- und wählen danach Werkzeuge / Eröffnungsbericht (Abbildung 4). Im folgenden Fenster präsentiert Scid einen Bericht über alle Partien in der Datenbank, bei denen diese Eröffnung gespielt wurde. Den Bericht können Sie im Text- oder HTML-Format speichern und danach ausdrucken.

Abb. 4: Der Eröffnungsbericht zeigt die Statistik einer bestimmten Variante auf Basis der geöffneten Datenbank.

Mit Hilfe des Berichts erkennen Sie beispielsweise, wie populär eine Eröffnung ist und mit welchen Zugumstellungen sie erreicht wird. Es gibt außerdem Informationen über positionelle Themen (wie etwa einen isolierten Damenbauern) und eine Theorie-Tabelle. Über die Schaltfläche Optionen blenden Sie einzelne Abschnitte des Berichts ein oder aus, um nur die für Sie relevanten Informationen zu erhalten.

Ein weiteres interessantes Werkzeug ist die Figurenverteilung: Damit vollziehen Sie die Bewegungen bestimmter Figuren nach und erstellen so ein Muster. An diesem sehen Sie, wie oft die Felder von dieser Figur besetzt wurden. Das ist unter anderem in der Eröffnungsvorbereitung wichtig, um Bauernvorstöße, Springervorposten und häufige Läuferplatzierungen zu erkennen. Dabei ist es hilfreich, den Zugbereich nach dem aktuellen Zug beginnen zu lassen, damit die Figurenbewegungen, die zur aktuellen Stellung führten, nicht mit in die Statistik einfließen.

Wählen Sie im Figurenverteilungsfenster zunächst per Klick die Figur aus. Möchten Sie alle Figuren des gleichen Typs sehen, klicken Sie mit der rechten Maustaste auf eine Figur, um alle zu markieren (Abbildung 5). Im Feld Züge geben Sie vor, wann die Figurenverfolgung anfangen und enden soll. Die Standardeinstellung 1-20 eignet sich gut zur Untersuchung von Eröffnungsthemen; wer Mittelspiele analysieren möchte, sollte einen Bereich von 12-35 wählen. Die Option % der Partien mit Zug auf das Feld zeigt anteilig die Züge der zu beobachtenden Figur auf jedes Feld an. Wenn Sie % der Zeit auf jedem Feld wählen, informiert Sie Scid über die Verweildauer der Figur auf jedem Feld.

Abb. 5: Mit Hilfe des Werkzeugs "Figurenverteilung" erkennen Sie schnell bestimmte Strukturen in verschiedenen Spielphasen.

Mit einer Schach-Engine wie Crafty oder Phalanx garantiert Scid nicht nur anspruchsvollen Spielspaß; seine umfangreichen Analysefähigkeiten heben es von anderen Schachanwendungen unter Linux ab. Wenn Sie neues Partienfutter für die Datenbank suchen, werden Sie unter [2,3,4] fündig. (amü)

Infos
[1] Scid: http://scid.sourceforge.net/
[2] Endspieltabellen mit drei bis fünf Figuren im so genannten Nalimov-Format: ftp://ftp.cis.uab.edu/pub/hyatt/TB
[3] Internet-Seite mit PGN-Partien: http://www.chessica.de/download.html, http://www.very-best.de/Download.htm, http://www.chesscenter.com/twic/twic.html, ftp://ftp.cis.uab.edu/pub/hyatt/
[4] Spezifikation des PGN-Formats: http://www.very-best.de/pgn-spec.htm

Auf der Heft-CD:


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