Titel: EasyLinux 01/2007: Software-Schlagzeug Hydrogen
Pfad: http://www.easylinux.de/Artikel/ausgabe/2007/01/045-hydrogen/index_html


Hydrogen, das Software-Schlagzeug

Frohes Trommeln


Mit der freien Schlagzeugsoftware Hydrogen macht das Trommeln am Computer Spaß. Das Programm beherrscht alle Taktarten, kennt feine Abstufungen für Anschlag und Sound und lässt sich durch eigene Klänge erweitern.

Mathias Huber

Das Schlagzeug ist ein wunderbares Instrument. Leider beansprucht es viel Platz, ist umständlich zu transportieren und bringt dem Musikenthusiasten gelegentlich Ärger mit dem Nachbarn ein. Wohnzimmervirtuosen greifen daher gerne zu einem Drumcomputer oder entsprechender Software. Für Linux-Anwender steht mit Hydrogen [1] ein leistungsfähiger Drum-Sequencer für Linux-Systeme mit Intel-Prozessoren zur Verfügung. Das freie Programm wird Ihnen Spaß machen, denn der erste Beat ist in wenigen Minuten zusammengeklickt.

Auch als anspruchsvoller PC-Trommler finden Sie alles, was Sie für einen professionellen Rhythmustrack mit bis zu 32 Stimmen benötigen: Hydrogen kann einen Takt in Einheiten bis zur 64stel-Note auflösen -- auch in Triolen (bis zur 32stel-Triole), die für einige Musikstile unverzichtbar sind. Auf der Hydrogen-Homepage gibt es fertige Drumkits für zahlreiche Musikstile von Elektro bis Jazz zum Download, die Sie um eigene Audiodateien erweitern können. Der Gesamtsound wird mit einem Stereomixer gemischt, den Klang jedes einzelnen Instruments können Sie durch zahlreiche Einstellungen gestalten.

Installation

Die Installation von Hydrogen gestaltet sich auf Kubuntu "Dapper Drake" am einfachsten, denn hier finden Sie ein fertiges Paket im Repository multiverse. Aktivieren Sie dazu im Paketmanager Synaptic diese Repository unter Einstellungen / Paketquellen und betätigen Sie danach den Button neu laden. Anschließend können Sie Hydrogen in der Paketverwaltung suchen und aus dem Internet installieren lassen.

Wenn Sie über keine schnelle Internetanbindung verfügen und den Download des rund 7 MByte großen Pakets scheuen, können Sie auch den Binär-Installer von der EasyLinux-DVD verwenden. Zu dieser Datei müssen auch die Anwender von Mandriva 2007 und Suse Linux greifen: Mandriva liefert das Programm nicht mit, die Hydrogen-Versionen in Suse 10 und 10.1 haben einen Bug: Während Hydrogen Klänge abspielt, reagiert die grafische Oberfläche äußerst langsam -- mit Verzögerungen von mehreren Sekunden macht das Musizieren keinen Spaß.

Mit dem distributionsunabhängigen Binär-Installer können Sie die Installation einfach als normaler Benutzer ohne Root-Rechte innerhalb ihres Home-Verzeichnisses durchführen. Dazu kopieren Sie die Datei hydrogen-linux-installer-0.9.2-x86.run, die Sie auf der EasyLinux-CD finden in Ihr Home-Verzeichnis. Machen Sie die Datei ausführbar, indem Sie in Konqueror per Rchtsklick das Eigenschaften-Menü aufrufen. Aktivieren Sie dort unter Berechtigungen den Punkt Ausführbar. Ein einfacher Klick auf die Datei installiert nun Hydrogen im Verzeichnis /home/<§§I>Benutzer<§§I>/hydrogen-0.9.2-x86 und legt ein Desktop-Icon für das Programm an. Möchten Sie Hydrogen wieder entfernen, löschen Sie einfach Verzeichnis und Icon.

Unter Umständen müssen Sie vorher noch das Paket libsndfile mit Ihrem Paketmanager installieren. Daneben benötigt das Programm die Pakete Alsa und Qt, die allerdings auf einem Desktopsystem mit KDE ohnehin bereits installiert sind.

Die Arbeitsumgebung

Beim Komponieren von Rhythmustracks mit Hydrogen gehen Sie nach dem Schema vor, das Sie vielleicht schon von Hardware-Drumcomputern kennen: Sie erstellen eintaktige Einheiten (Patterns), die Sie als Bausteine in das komplette Stück (Song) einsetzen. Der Pattern-Editor und der Song-Editor sind zwei der frei beweglichen Fenster, die das Programm in seinem Hauptfenster (Abbildung 1) anzeigt. Am unteren Rand des Programmfensters befinden sich Stop-, Play- und weitere Steuertasten zum Abspielen eines einzelnen Patterns oder des kompletten Songs. Zwischen diesen beiden Wiedergabearten schalten Sie mit dem Button Mode um. In der selben Leiste geben Sie auch das Tempo in Beats per Minute (BPM) an -- als Zahl, mit den Plus-/Minus-Tasten oder mit dem Mausrad. Ein nettes Detail: Drücken Sie rhythmisch [AltGr - ?], ermittelt Hydrogen wie ein BPM-Messgerät automatisch das Tempo. Auch andere Funktionen sowie die Instrumente einiger Drumkits können Sie per Tastatur bedienen, eine Liste finden Sie im Benutzerhandbuch [2] auf der Projekt-Homepage.

Abb. 1: Das Hydrogen-Fenster enthält am unteren Rand die Steuerelemente zum Starten und Stoppen. Die anderen Editor-Fenster können Sie frei anordnen.

Ein Rhythmus-Track

Einen neuen Rhythmustrack erzeugen Sie mit dem Menüpunkt Datei / Neu, unter Ansicht blenden Sie die Editoren für Song und Pattern ein. Der Pattern-Editor öffnet sich mit dem ersten Takt, standardmäßig mit "Pattern 1" benannt. Planen Sie ein längeres Stück mit vielen verschiedenen Patterns, empfiehlt es sich, aussagekräftige Namen zu vergeben. Das erledigen Sie im Song-Editor -- nach einem Rechtsklick auf den Pattern-Namen wählen Sie dazu aus dem Kontextmenü den Punkt Eigenschaften.

Vor dem Eingeben der ersten Töne legen Sie unter Resolution die Auflösung für das Pattern fest, den kleinsten benötigten Notenwert. Size gibt an, wie oft dieser Wert in einem Takt vorkommt -- so könnten Sie beispielsweise sogar einen 7/8-Takt realisieren. Bei nachträglichen Änderungen an der Auflösung können sich Noten verschieben.

Nun geben Sie die Schläge für das Pattern ein, in dem Sie mit der Maus auf die entsprechenden Zählzeiten im Raster der Instrumentenspuren klicken. Ein zweiter Klick entfernt den Schlag wieder. Mit dem Play-Button starten Sie die Wiedergabe in einer Schleife -- dabei können Sie das Pattern gleichzeitig weiter bearbeiten und Ihre Änderungen hören. Wenn Sie nicht mit der Maus musizieren möchten, können Sie den Button mit dem Kreissymbol aktvieren und Ihre Eingaben per PC-Tastatur vornehmen. Daneben lässt sich Hydrogen auch mit Keyboards und anderen Instrumenten steuern, die den MIDI-Standard benutzen.

Standardmäßig quantisiert Hydrogen die Eingaben, das heißt, es zwingt sie ins Raster der Auflösung. Der Button mit dem Q-Symbol schaltet dieses Verhalten ein und aus.

Des Kontextmenü, das Sie durch einen Rechtsklick auf den Instrumentennamen erreichen, stellt die nützliche Funktion Noten füllen zur Verfügung. Sie erspart es Ihnen beispielsweise, alle Sechzehntel auf dem Becken von Hand einzugeben: Haben Sie Sechzehntel als Auflösung gewählt, füllt Hydrogen die Spur automatisch mit sämtlichen Noten.


MIDI: Über das Musical Instrument Digital Interface können elektronische Instrumente wie Drumcomputer und Keyboards miteinander sowie mit einem Computer kommunizieren.

Richtig betont

Ein guter Drummer setzt durch die Dosierung der Anschlagstärke die Betonungen an der richtigen Stelle. Auch in Hydrogen lässt sich dieser Parameter einstellen: Unter den Instrumentenspuren des Pattern-Editors befinden sich senkrechte Striche (Abbildung 2). Mit gedrückter Maustaste verändern Sie deren Länge und stellen so die Stärke für jeden Schlag auf das aktuell ausgewählte Instrument ein.

Abb. 2: Der Pattern-Editor mit der Funktion "Noten füllen". Über die Balken unten im Bild können Sie die Stärke jedes einzelnen Anschlags einstellen.

Wie bei jeder Arbeit am Rechner gilt "Save early, save often": Das Programm speichert die Songs mit der Endung h2song. Das nächste Pattern erstellen Sie durch einen Rechtsklick auf den Pattern-Namen im Song-Editor (Bearbeiten). Da sich die Takte oft nur geringfügig unterscheiden, bietet das selbe Kontextmenü auch eine Funktion zum Kopieren von Patterns an -- nach dem Duplizieren sollten Sie sich allerdings vergewissern, dass Sie im Pattern-Editor das gewünschte Pattern in Arbeit haben.

Um im Song-Editor an der Zusammenstellung des gesamten Stücks zu arbeiten, schalten Sie unten im Hauptfenster auf den Wiedergabe-Modus Song um. Der Editor kennt zwei Bearbeitungsweisen: Im Zeichenmodus (Pinsel-Button) klicken Sie die Bausteine des Rasters mit der linken Maustaste an und aus. Im Auswahlmodus (Button mit gestrichelten Linien) können Sie ganze Bereiche des Songs mit einem Rahmen markieren und sie verschieben oder mit gedrückter [Strg]-Taste zu kopieren. Die Handhabung dieser Art von Drag & Drop ist allerdings sehr gewöhnungsbedürftig. Hydrogen kann übrigens mehrere Patterns gleichzeitig abspielen. Dadurch können Sie bei geschickter Planung Arbeit sparen, etwa indem Sie einen minimalen Grund-Beat verwenden und ihn mit Patterns kombinieren, die die Variationen enthalten. Der fertiggestellte Song lässt sich über das Menü Datei als Audiodatei im Wave-Format oder als MIDI-Datei exportieren.

Abb. 3: Hydrogen besitzt einen Stereomixer mit einem Kanal für jedes Instrument. Rechts ist das Rack für LADSPA-Effekte zu sehen, oben die Effekt-Parameter.

Mixer und Effekte

Rhythmen und Struktur des Tracks stehen, doch ein ambitionierter Musiker ist erst zufrieden, wenn auch der Sound stimmt. Hydrogen besitzt einen Mixer (Abbildung 3) mit einem eigenen Kanal für jedes Instrument: Über Schieberegler bestimmen Sie dessen Lautstärke, über besonders liebevoll gestaltete Drehregler die Stereo-Position. Zur Analyse und für die Fehlersuche in einem Song gibt es Buttons, um ein Instrument mute (M), also stumm, zu schalten, oder es zum Solisten (S) zu machen. Der FX-Knopf ganz rechts am Mischpult blendet das Effekt-Rack ein. Haben Sie zusätzlich das Paket ladspa installiert, können Sie hier LADSPA-Effekte wie Hall oder Verzerrung einbinden und auf einzelne Instrumente anwenden. Näheres erläutert das Hydrogen-Handbuch.


LADSPA: Das Linux Audio Developers Simple Plugin API ist eine Programmierschnittstelle für Klangeffekte. Unterstützt ein Audioprogramm LADSPA, können Sie es durch Plugin-Dateien um Effekte wie Echo oder Kompression erweitern.

Drumkits

Es gibt noch mehr Möglichkeiten, die Klangvielfalt zu erweitern: Auf der Hydrogen-Homepage stehen zahlreiche Drumkits zum Download bereit. Die Schlagzeug-Dateien haben die Dateiendung h2drumkit. Teilweise handelt es sich bei den Downloads auch um gezippte Tar-Archive, die neben dem Drumkit auch einen Hydrogen-Demosong enthalten, der alle Klänge des Kits vorführt. Entpacken Sie ein soclches Archiv zunächst mit Ark, um an die Drumkit-Datei zu gelangen.

Die Installation der Drumkit-Dateien erledingen Sie über die Drumkit-Verwaltung, die Sie über das Menü Ansicht einblenden. Unter dem Reiter Import befindet sich ein einfacher Dialog, in dem Sie die Datei auswählen. Hydrogen speichert sie im Verzeichnis ~/.hydrogen, und sie taucht nun unter dem Reiter Laden in der Liste der verfügbaren Kits auf. Dort lädt der Button Drumkit laden das Schlagzeug zur Verwendung im aktuellen Song. Es ersetzt allerdings das zuvor verwendete Drumkit. Möchten Sie sicherstellen, dass ein Klang aus einem Kit auch nach dem Wechsel des Drumkits noch zur Verfügung steht, wählen Sie vorher für dieses Instrument Blockieren im Kontextmenü des Pattern-Editor.

Derzeit können Sie lediglich den leeren Spuren bestehender Drumkits neue Samples hinzufügen oder deren bestehende Instrumente bearbeiten: Ein Klick im Pattern-Editor oder ein Doppelklick im Mixer auf den Namen des Instruments lädt es in den Instrumenten-Editor (Abbildung 4).

Unter dem Reiter Layers können Sie über Load Layer Audiodateien in den Formaten WAV, AU, AIFF und FLAC laden. Dabei ist Vorsicht geboten, denn der neue Klang ersetzt den bestehenden, eine Undo-Funktion kennt das Programm nicht. Der Reiter Instrument bietet einige Regler, die Klangeigenschaften des Samples anpassen. Bemerkenswert ist der Knopf Random Pitch: Dreht man ihn auf, variiert das Programm automatisch bei jedem Anschlag die Tonhöhe des Klangs -- natürliche Instrumente klingen schließlich auch nicht stets gleich.

Abb. 4: Im Instrumenten-Editor kann der Anwender Parameter für die Klänge einstellen und neue Audiodateien importieren.

Weitere Informationen

Weitere Details gibt es im Benutzer-Handbuch [2], das auf der Hydrogen-Website zum Download zur Verfügung steht, allerdings nur in den Sprachen Englisch, Italienisch und Niederländisch. Die mit dem Programmpaket mitgelieferte Hilfe enthält auch eine deutsche Übersetzung, die sich allerdings auf eine gerinfügig ältere Version bezieht. Ebenfalls auf der Projekt-Homepage findet sich ein ausführliches Tutorial, das Schritt für Schritt nachprogrammiert, was Jeff Porcaro, der Schlagzeuger der Band Toto, auf dem Stück "Georgy Porgy" spielt. Der fertige Hydrogen-Song ist als tutorial_georgyporgy.h2song im Programm-Paket enthalten. Wer diese Anleitung surchgearbeitet hat, kann die Möglichkeiten von Hydrogen voll ausschöpfen: Frohes Trommeln! (mhu)

Infos
[1] Hydrogen-Homepage: http://hydrogen-music.org
[2] Benutzerhandbuch: http://hydrogen-music.org/?p=docs

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