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Liebe Leserinnen und Leser,
neulich hörte ich einen schönen Song im Radio, netterweise nannte der Moderator anschließend Titel und Interpret, also suchte ich nach einer Möglichkeit, das Lied online zu kaufen. Fündig wurde ich in Apples iTunes Store, und zwei Mausklicks (auf einem Apple-Rechner) sowie wenige Sekunden Downloadzeit später gehörte es für 99 Cent mir. Nur ließ sich der Song auf meinem Linux-Rechner nicht abspielen -- dazu war folgender Umweg nötig: Song auf dem Mac auf eine Audio-CD brennen, CD in den Linux-PC einlegen, rippen und in eine MP3-Datei umwandeln.
Dass die meisten Musikshops im Internet ihre Angebote mit DRM (Digital Rights Management) ausstatten, ist ein regelmäßiges Ärgernis. Klar: Früher war alles einfacher, Musik fand man mit Napster und anderen Peer-to-peer-Tools kostenlos zum (illegalen) Download. Dass es der Musikindustrie nicht gefällt, wenn jeder neue Titel schon wenige Stunden nach Veröffentlichung in Tauschbörsen auftauchen, ist verständlich -- dass aber die Wiedergabe regulär erworbener Tracks nur in speziellen Player-Programmen möglich ist, die zudem nur für ausgewählte Betriebssysteme (im iTunes-Fall Mac OS und Windows) existieren, ist es nicht. Der iTunes Store ist dabei noch einer der "besseren" Vertreter dieser Online-Musikgeschäfte: Großzügig darf man gleich mehrere (Apple- oder Windows-) Rechner registrieren und auf diesen die gekaufte Musik hören, und das Brennen auf eine Audio-CD, die dann auch im normalen CD-Player funktioniert, ist problemlos. Mit Hilfe von CrossOver Office kann man auch die Windows-Version von iTunes unter Linux laufen lassen, aber warum muss es überhaupt so kompliziert sein? Wer seine Produkte nur DRM-geschützt unters Volk bringen will, sollte wenigstens auf maximale Kompatibilität achten, also Player oder besser: Plug-ins für alle wichtigen Betriebssysteme und deren Standard-Mediaplayer anbieten. Denn warum soll der Käufer mal den einen und mal den anderen Player starten, wenn er Kunde in mehreren Musikshops ist?
Zumindest Apple und Musicload wollen nun vermehrt Musik in DRM-freien Formaten anbieten [1,2]; das funktioniert bislang aber nur, wenn die Plattenstudios mitspielen.
Musikkäufer müssen sich den DRM-Ärger bieten lassen, weil sie keine starke Lobby haben, die dagegen kämpfen könnte -- zwar setzt sich unter anderem die EFF (Electronic Frontier Foundation) gegen DRM ein [3], aber letztlich müsste eine breite Masse der Konsumenten dagegen aufbegehren, um etwas zu ändern. Ein großer Teil der Windows-Anwender fühlt sich aber gar nicht betroffen, denn ihr Windows-PC spielt die Songs ja problemlos ab. Ob die über Jahre erworbene Musikbibliothek beim Wechsel auf einen anderen Rechner oder ein neues Betriebssystem (sei es die neuste Windows-Version oder eine Alternative) benutzbar bleibt, zeigt sich erst dann.
In anderen Bereichen sind die Erfolgschancen im Kampf gegen DRM größer, so hat kürzlich das Massachusetts Institute of Technology (MIT) sein digitales Abo einer wissenschaftlichen Zeitschrift gekündigt, weil die Beiträge nur mit einem speziellen Adobe-DRM-Plug-in unter Windows lesbar sind [4] -- Linux- und Mac-OS-Anwender bleiben dabei außen vor. Sollten sich diesem Schritt auch andere Hochschulen oder Forschungseinrichtungen anschließen, könnte dies schon Einfluss auf die Entscheidung des Verlags haben.
Wehmütig betrachte ich gelegentlich meine alte Plattensammlung: Die LPs und Singles aus den 80ern erzeugen zwar allerlei Kratzen und Rauschen, aber sie sind zumindest mit jedem Schallplattenspieler kompatibel, und auch die damals übliche Kopiertechnik auf Cassetten war frei von technischen oder rechtlichen Problemen.
Hans-Georg Eßer
Chefredakteur
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Last modified: 2008-11-05 17:26
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